Lange Nacht der Museen: Mit Zeitzeuge Uwe Dähn durch die Revolution

Tags: Führungen, Zeitzeugen, Uwe Dähn

Uwe Dähn war ab 1981 im Friedenskreis Pankow in Ost-Berlin aktiv. Nach dem Mauerfall vertrat er das Neue Forum am Runden Tisch Kultur. Heute führt der passionierte Radfahrer Besucher durch die Open-Air-Ausstellung. Zum Beispiel im Rahmen der Langen Nacht der Museen am 27. August. Was die Besucher bei seinen Führungen erwartet, darüber spricht er mit Anja Karrasch.

Zeitzeuge Uwe Dähn führt auch zur Langen Nacht der Museen Zeitzeugen durch die Open-Air-Ausstellung.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Rolf Walter

Ihre Führungen durch die Ausstellung dauern etwa eine Stunde. Was möchten Sie den Besuchern vermitteln?

Wenn ich eine Führung für Schüler mache, merke ich, dass das Wissen um die Teilung Berlins nicht besonders ausgeprägt ist. Viele denken, dass Berlin bei Helmstedt gelegen haben muss, weil dort die Grenze war. Wichtig sind für mich deshalb die Tafeln, die zeigen, warum Jugendliche gegen den Staat opponiert haben. Es gibt ein Foto von einem DDR-Jugendlichen in der Ausstellung, der trampt, was viele gemacht haben, aber nicht gern gesehen war. Vor allem nicht in der Nähe einer Transitautobahn, aus Angst, dass man in Kontakt mit Bundesbürgern kam.

 

Mit welchem Dokument verbinden Sie persönliche Erinnerungen?

Der Berliner Appell ist für mich ganz wichtig, der von Robert Havemann und Rainer Eppelmann ausgearbeitet wurde. Das war zu Beginn der 80er-Jahre, als die Kirche sich öffnete und auch Teile der kommunistischen Opposition die Möglichkeit genutzt haben, sich dort mit anderen Gruppierungen zu treffen und zu engagieren. Das hat mein Weltbild verändert. Der Marxismus ist eine ökonomische Weltanschauung, die den Wert des Menschen ökonomisch misst. In der Kirche traf ich Menschen mit einem anderen Menschenbild. Für sie war entscheidend, dass jeder Mensch einen Wert an sich hat, ob er produktiv ist oder nicht. Dafür bin ich dankbar, dass diesem marxistischen Nützlichkeitsdenken etwas Humanes entgegengesetzt wurde.

Entwurf des „Berliner Appells“ vom Dezember 1981. Der im Januar 1982 veröffentlichte Aufruf des Systemkritikers Robert Havemann und des Pfarrers Rainer Eppelmann ist die erste Erklärung, die von verschiedenen Gruppen der Friedensbewegung gemeinsam getragen wird. Trotz Repressionen unterzeichnen ihn etwa zweitausend Menschen.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Ihre Führung endet mit dem Mauerfall. Warum?

Die Ausstellung zeigt mehr als 650 Fotos, historische Dokumente und Filme, weshalb ich mich thematisch beschränken muss. Deshalb geht meine Führung bis zum Mauerfall und danach kann jeder gerne für sich weiterschauen. Bis zu meinem Lieblingsbild in der Ausstellung komme ich dadurch gar nicht. Das ist ein Foto vom Dritte-Welt-Laden in der Winsstraße 53 im Prenzlauer Berg. Ich wohne selbst dort seit 1984. Nach dem Mauerfall zog der Laden ein. Zu DDR-Zeiten hing eine schiefe Jalousie im Fenster und auf der Hauswand darüber stand „Südfrüchte“. Auf dem Foto sieht man wie verfallen das Haus war. Den Dritte-Welt-Laden gibt es längst nicht mehr.

 

Worüber kommen Sie mit Besuchern oft ins Gespräch?

Ich habe schon während der Ausstellung auf dem Alexanderplatz von 2009 bis 2010 Führungen gemacht. Schon damals kam es öfter vor, dass Menschen ihre persönliche Geschichte oder von ihren Erfahrungen in der DDR erzählten – das ist heute nicht anders. Bis hin zu Leuten, die sagen, wer sich an die Regeln gehalten hat, dem ging es gut in der DDR.

 

 

Am 27. August erwartet die Besucher in der Stasi-Zentrale anlässlich der Langen Nacht der Museen ein umfangreiches Programm. Um 18.30 Uhr, 19:30 Uhr und 20:30 Uhr führen Zeitzeugen der Revolution durch die Open-Air-Ausstellung. Um 22.30 Uhr lädt die Robert-Havemann-Gesellschaft zu einer Taschenlampenführung ein. Treffpunkt ist jeweils vor der Information im ehemaligen Offizierskasino. Zum Programm.

 

Uwe Dähn, Jahrgang 1950, studierte in Leipzig von 1969 bis 1973 Politische Ökonomie. Nach dem Studium kehrte er nach Ost-Berlin zurück und forschte dort an der Akademie der Wissenschaften. Wegen seines Engagements in einer oppositionellen marxistischen Gruppierung, die u.a. die Unterdrückung von Wissenschaft und Kunst durch die SED kritisierte, erhielt er 1977 Berufsverbot. Ab 1981 war Uwe Dähn im Friedenskreis Pankow aktiv. Nach dem Mauerfall saß er für das Neue Forum am Runden Tisch Kultur und arbeitete von 1990 bis 1992 als Stadtrat für Bildung und Kultur in Berlin Mitte. Für Bündnis 90/Die Grünen war Uwe Dähn  in verschiedenen Funktionen tätig. Von 1996 bis 1999 war er Fraktionsmitglied im Berliner Abgeordnetenhaus.

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