Tom Sello: „Der Mauerfall ist nicht vom Himmel gefallen“

Tags: Team, Hinter den Kulissen
Tom Sello bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der Open-Air-Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" auf dem Berliner Alexanderplatz 2009/2010.
Quelle: Kulturprojekte

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls initiierte Tom Sello die Open-Air-Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ auf dem Berliner Alexanderplatz. Schon damals entstand die Idee, die erfolgreiche Schau als Dauerausstellung zu erhalten. Aktuell arbeitet er als Projektleiter mit seinem Team daran, diese Idee umzusetzen: Im Juni 2016 wird „Revolution und Mauerfall“ im Innenhof der Stasi-Zentrale eröffnen. Tom Sello im Gespräch mit Anja Karrasch über die Geburtsstunde der Ausstellung und den Wunsch nach einem Museum zu Opposition und Widerstand gegen die kommunistische Diktatur.

Die Dauerausstellung wird wesentliche Teile der Ausstellung auf dem Alexanderplatz 2009/2010 präsentieren, die Sie kuratiert haben. Wie kamen Sie 2006 auf diese Idee?

Es gab damals bei vielen Ostdeutschen – auch bedingt durch die persönliche Lebenssituation –, einen eher miesepetrigen Blick auf 1989. Manche fühlten sich als Verlierer der Geschichte. Sie bezeichneten die Revolution als Wende, bestenfalls als Umbruch und waren der Meinung, der Westen habe dem Osten alles aufgedrückt und sie seien einfach einverleibt worden. Das waren 2006 gängige Schlagworte, was aber nicht der Sicht auf die Dinge während der Freiheitsrevolution von 1989/90 entsprach, wie wir sie Dokumenten aus unserem Archiv entnehmen konnten. Im Westen wiederum wurden die Ereignisse oftmals als regionalgeschichtlich abgetan, da sich an den eigenen Lebensumständen scheinbar nichts geändert hatte. Wir wollten der Perspektive derjenigen, die sich damals für demokratische Veränderungen in der DDR einsetzten, zu ihrem Recht verhelfen.

 

Sie haben sich in der DDR-Opposition engagiert. Welche persönliche Motivation bringen Sie als Initiator und Projektleiter der Ausstellung mit?

Der verfälschten Rückschau etwas entgegenzusetzen, das war für mich die Herausforderung. Der Mauerfall ist ja nicht vom Himmel gefallen. Günter Schabowski hat nicht die Mauer geöffnet, sondern das waren andere, die dafür gesorgt haben. Das war ein Prozess, an dem viele Leute und verschiedene Gruppen beteiligt waren. Wir wollten in der Ausstellung die Menschen in den Mittelpunkt rücken, die sich damals aktiv für eine Veränderung einsetzten, dafür ihre Angst überwinden mussten und ihren Teil zum Ende der SED-Diktatur beigetragen haben. Denen es um Demokratisierung, um Rechte und um Freiheit ging.

 

Wie konnten Sie diese Sicht der Dinge durchsetzen?

Anfangs gab es Skepsis gegenüber der Idee. Einige westdeutsche Fachleute der Erinnerungskultur vertraten die Auffassung, dass eher 25 statt 20 Jahre Ende des DDR-Regimes ein Anlass für ein Jubiläum sei. Klaus Wowereit wollte schließlich ein Gesamtkonzept für die Würdigung des Mauerfalls, in der die Open-Air Ausstellung einen Bestandteil bilden sollte. Unser Partner Kulturprojekte konzipierte ein Themenjahr, das anfangs nur „20 Jahre Mauerfall“ hieß. Indem wir unsere Vorstellungen einbrachten, wurde daraus „20 Jahre Mauerfall – 20 Jahre Friedliche Revolution“. Da wir den Prozess zeigen wollten, der zum 9. November 1989 geführt hatte, wurde die Ausstellung schon im Mai 2009 eröffnet. Das Themenjahr begann letztlich bereits im Januar 2009, sodass man sich in Berlin fast ein Jahr mit der Revolution beschäftigen konnte. Das war natürlich großartig.

 

Die Ausstellung war dann über das Jahr 2009 hinaus zu sehen?

Ja. Die Besucher waren begeistert und der Besucherstrom riss nicht ab. Von vielen Seiten, aus der Bevölkerung, den Medien und der Politik kam die Forderung, dass dies das richtige Freiheits- und Einheitsdenkmal sei und deshalb dauerhaft auf dem Alexanderplatz stehen müsse. Der erste Schritt war die Verlängerung bis zum Oktober 2010. Aber eine Dauerausstellung war dort aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Deshalb haben wir nach einem neuen Ort gesucht.

 

Warum wählten Sie als Ort die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße?

Historisch gesehen ist Lichtenberg mit der Erstürmung der Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990 sowohl ein Ort der Repression durch den SED-Staat als auch ein Ort der Revolution, an dem die Diktatur besiegt wurde. Und er steht für den Beginn eines demokratischen Prozesses und die Frage „Wie gehen wir mit der Vergangenheit um?“, die am Runden Tisch diskutiert wurde und zu dessen ersten Beschlüssen die Auflösung der Staatssicherheit gehörte. Insofern ist dies ein würdiger Ort für die Dauerausstellung.

 

Welche Wünsche und Hoffnungen haben Sie in Bezug auf die zukünftige Wahrnehmung der Geschichte der Opposition in der DDR?

Es wäre schön, wenn das Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung umgesetzt würde. Dort steht, dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur unter besonderer Berücksichtigung der Opposition und des Widerstands in der DDR erfolgen soll. Konkret wünsche ich mir, dass es eine dauerhafte Finanzierung gibt, um das Archivs der DDR-Opposition zu sichern. Ein Wunschziel ist die Erforschung von Opposition und Widerstand gegen die kommunistische Diktatur sowie deren Darstellung in einem Museum, in dem der gesamte Zeitraum zwischen 1945 und 1989 betrachtet wird. Uns geht es um einen Blick auf die Geschichte nicht nur aus den Unterlagen der Herrschenden, sondern auch aus der Sicht der Menschen, die sich dem Regime entgegengestellt haben mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Träumen. Weil man daran sehen kann, wie wichtig es ist, sich in die Gesellschaft einzubringen und zu engagieren. Und um zu zeigen, welche Chancen für gelebte Demokratie in unserer jetzigen Zeit existieren.

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