„Da oben auf der Kanzel zu stehen, das war ungewöhnlich“. Der Fotograf Harald Hauswald über ein Konzert der Band Tacheles in der Zionskirche

Tags: Harald Hauswald, Zionskirche, Tacheles, Kirchenkonzerte, Berlin
Tacheles in der Ostberliner Zionskirche 1987.
Quelle: Harald Hauswald/OSTKREUZ

In unserer Gesprächsreihe „Fundstücke“ stellen Ausstellungsmacher und Zeitzeugen der Revolution Fotos, Filme und Dokumente aus der Open-Air-Ausstellung vor, die ihnen besonders wichtig sind. Der Fotograf Harald Hauswald im Gespräch mit Anja Karrasch über Rockkonzerte in Ostberliner Kirchen, Jugendkultur und die Geschichte eines Fotos, das im September 1987 in der Zionskirche entstand.

Herr Hauswald, was und wer ist auf dem Foto zu sehen?

Das Bild zeigt einen Auftritt der Sessionband Tacheles. Der Bassist auf der Kanzel war André Greiner-Pol, Frontmann der Band Freygang, der in der DDR ein lebenslanges Auftrittsverbot hatte. Da oben auf der Kanzel zu stehen, da hat er sich schon was getraut. Das war ungewöhnlich. Als er vor acht Jahren gestorben ist, habe ich zur Beerdigung das Foto an sein Grab gestellt.

Der Keyborder Trötsch alias Frank Tröger hatte eine Band, die Die Firma hieß – was ja zugleich der Spitzname für die Stasi war. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass er selbst ein Stasi-Spitzel war. Der Sänger ist Rafael, ein Chilene, der jetzt wieder in einem Indianerdorf in Chile lebt. Und Alexander Griening, der Schlagzeuger, war ein Musiker ohne feste Band. Bei diesem Konzert war die Zionskirche rappelvoll mit Jugendlichen, Oppositionellen und Kirchenleuten. Ich kannte viele und war mit der Kamera dabei. Nach zwei Stunden bin ich gegangen, weil ich noch einen anderen Termin hatte.

Wie kam es, dass so eine Band in der Zionskirche spielen konnte?

Die Umwelt-Bibliothek hatte das Konzert zusammen mit dem Pfarrer der Zionskirchgemeinde Hans Simon organisiert. Nach dem Vorbild der Bluesmessen, die Rainer Eppelmann ab 1979 erst in der Samariterkirche, später in der Erlöserkirche in Rummelsburg veranstaltet hat. Dazu kamen aus der ganzen DDR Tausende Jugendliche angereist.

Es war natürlich ungewöhnlich, Rockkonzerte in einer Kirche zu veranstalten. Pfarrer Gerhard Cyrus aus der Galiläakirche in der Rigaer Straße war der Erste, der 1986 Punkbands Proberäume zur Verfügung gestellt hatte. Die Proben waren öffentlich. In der Zionskirche war eigentlich weniger los, das Konzert war schon etwas Besonderes. Bekannter war die Umwelt-Bibliothek im Keller des Pfarrhauses mit Bibliothek und Druckerei, wo die verbotenen Samisdat-Zeitschriften wie die Umweltblätter und der Grenzfall gedruckt wurden. Im vierten Stock des Hinterhauses war ein Café, wo Ausstellungen und Lesungen stattfanden. Das war der eigentliche Anlaufpunkt für die Leute.

Wenig später, am 17. Oktober 1987, fand in der Zionskirche ein Konzert der Westberliner Band Element of Crime und Die Firma statt, das mit dem Überfall von Skinheads ein abruptes Ende fand. Waren Sie an diesem Abend auch dabei?

Nein, aber als ich nach dem Mauerfall anfing bei Hertha BSC zu fotografieren, habe ich einige von den Hooligans kennengelernt, die beim Überfall dabei waren. Sie hatten am selben Tag in einem Jugendklub in der Greifswalder Straße, der Sputnik hieß, einen Geburtstag gefeiert. Angetrunken sind sie los „Linke klatschen“ und haben angefangen zu randalieren. Die Bereitschaftspolizei saß draußen vor der Kirche auf ihrem Lkw und hat nicht eingegriffen.

Wo wurde das Foto das erste Mal veröffentlicht?

Entweder in der taz oder in der Kirchenzeitung, das weiß ich nicht genau. Die Kirchenzeitung war die einzige Plattform in der DDR, wo meine Fotos abgedruckt wurden. Ab 1988 kam die Wochenzeitung Sonntag dazu, die vom Kulturbund herausgegeben wurde. Für die Aufnahme habe ich ein lichtstarkes Teleobjektiv von Canon verwendet, das sehr teuer war. Ich hatte es von der GEO-Redaktion bekommen, für die ich ein Jahr lang den Alltag in der DDR fotografiert hatte.

Wie gelangte das Foto nach West-Berlin?

In Ost-Berlin arbeiteten ungefähr zwanzig ständig akkreditierte West-Journalisten von ARD, ZDF, Stern, Spiegel, Frankfurter Allgemeine und anderen Medien. Viele von ihnen habe ich bei den Veranstaltungen in Kirchen kennengelernt, wo ich fotografiert habe. Sehr intensiv habe ich mit Peter Pragal vom Stern und mit Hans-Jürgen Röder vom Evangelischen Pressedienst gearbeitet. Die Journalisten hatten eine sogenannte Grenzempfehlung, die vergleichbar war mit einem diplomatischen Status. Dadurch konnten sie Arbeitsmaterialien unkontrolliert über die Grenze bringen. Und so kam auch dieses Foto in die Redaktion der taz.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Positiv wehmütig. Weil wir trotz der Vorgaben vom Staat versucht haben zu leben. Wir haben es nicht nur versucht, wir haben es auch gemacht. Ich jammere dieser Zeit überhaupt nicht hinterher. Der Mauerfall war für mich der größte Tag im Leben. Wir haben in der DDR unter einer Käseglocke gelebt. Jetzt ist Realität eingetreten. Viele kommen damit nicht klar. Für mich ist das o.k. Ich kann mich jetzt auf eine andere Art auch ausleben. Jetzt kann ich reisen und meine Fotos werden überall ausgestellt. Es kommt eine wahnsinnige Anerkennung rüber. Das hatte ich nie erwartet.

Die Zionskirchgemeinde bietet seit 1986 oppositionellen Gruppen Raum. Die Staatssicherheit observiert und fotografiert die Zionskirche, hier aus Richtung Griebenowstraße. Quelle: BStU
Quelle: BStU

Harald Hauswald gehört zu den wichtigsten DDR-Fotografen und Chronisten. Trotz intensiver Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit gelang es ihm, mit seinen Fotos das Leben in der DDR jenseits staatlicher Vorgaben zu dokumentieren. Schon zu DDR- Zeiten veröffentlichten Westenmedien wie die taz und GEO seine Bilder. Seit 1989 arbeitet er als Fotograf u.a. für GEO, Stern, Zeitmagazin, Das Magazin und ist an zahlreichen Buchveröffentlichungen beteiligt. Harald Hauswald ist Gründungsmitglied der Agentur Ostkreuz. Als Zeitzeuge erzählt der 62-Jährige bei Schulveranstaltungen Jugendlichen vom Alltag in der DDR. 1997 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, 2006 wurde ihm der „Einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“ verliehen.
Foto: privat

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