„Der ganze Abend war eine Sensation!“ Marianne Birthler über das letzte Konzert von Wolf Biermann in der DDR vor seiner Ausbürgerung 1976

Tags: Biermann-Konzert, Prenzlau, Marianne Birthler, 1976, Biermann-Ausbürgerung

Einladungen von Kirchenleuten hatte Wolf Biermann bis dahin immer ausgeschlagen. Doch nach elf Jahren Auftrittsverbot gab er am 11. September 1976 in der St. Nikolaikirche in Prenzlau sein erstes und letztes öffentliches Konzert in der DDR. Offenbar nur durch Zufall entging der Geheimpolizei dieser Termin.

Der Liedermacher Wolf Biermann bei einem Auftritt 2011.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel

Zwei Monate später, im November 1976 durfte Wolf Biermann auf Einladung der IG Metall zu einer Konzerttournee in die Bundesrepublik reisen. Das Auftaktkonzert fand am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle statt. Die SED-Regierung nahm den Auftritt zum Anlass, um den unbequemen Liedermacher loszuwerden. Biermann wurde wegen „grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“ ausgebürgert. Seine Ausweisung löste im Westen eine Lawine von Protesten aus. Auch in der DDR kritisierten einige bekannte Künstler und Schriftsteller die Ausbürgerung. Sie mussten daraufhin selbst das Land verlassen. Weniger bekannte Kritiker - meist Jugendliche - wurden ins Gefängnis gesteckt.

Marianne Birthler, damals in der Kirchengemeinde engagiert, war bei dem Auftritt in Prenzlau dabei und schnitt das Konzert von Wolf Biermann mit, auf einem Kassettenrekorder, den sie gerade aus dem Westen geschenkt bekommen hatte. Der Mitschnitt wird heute im Archiv der DDR-Opposition aufbewahrt. Wir haben mit Marianne Birthler gesprochen und stellen einen Auszug aus dem Auftritt von Wolf Biermann vor.

Frau Birthler, wie haben Sie damals von dem Biermann-Auftritt in Prenzlau erfahren?

Ich habe über einen guten Freund, den Pfarrer Peter Leu von dem geplanten Konzert in der Kirche erfahren.

Warum durfte Wolf Biermann dort überhaupt öffentlich auftreten? Die SED hatte ihn doch mit Auftrittsverbot belegt?

Der Jugendpfarrer der Gemeinde hatte Wolf Biermann im Rahmen einer größeren Veranstaltung in die Kirche eingeladen. Das war insofern etwas Besonderes, weil es damals überhaupt noch nicht üblich war, dass verbotene Künstler in Kirchen auftraten. Das hat sich erst in den 1980er Jahren eingebürgert. Erst recht nicht, wenn es sich um einen kommunistischen Sänger handelte. Dieses Erstaunen, diese Fremdheit, die Wolf Biermann bei seinem Auftritt  in der Kirche empfand, kommt am Anfang des Konzerts auch zum Ausdruck.

"Was soll ein ausgekochter Kommunist den Christen erzählen?" Wolf Biermann spricht darüber, warum er bisher nicht in Kirchen gesungen hat und schlägt einen Bogen von seinen Liedern zur christlichen Kultur (Auszug).

Wieso hat die Stasi nicht reagiert? Sie hätte das Konzert doch leicht verhindern können?

Die Stasi war zwar da, aber mit der üblichen „kleinen Besetzung“, die auch sonst zu kirchlichen Veranstaltungen kam. Dass Wolf Biermann in Prenzlau auftreten würde, hatte die Stasi offensichtlich übersehen. In der Gemeinde war damals ein Biermann tätig. Wir vermuten, dass die Stasi deshalb auf den Namen gar nicht reagiert hat. Hätte die Stasi-Zentrale von dem Auftritt gewusst, hätte sie sicher dafür gesorgt, dass Wolf Biermann gar nicht in Prenzlau ankommt. Den Stasi-Akten kann man entnehmen, dass sich die örtlichen Stasi-Leute später rechtfertigen mussten, warum sie den bevorstehenden Biermann-Auftritt nicht gemeldet hatten.

Wie viele Menschen besuchten das Konzert und wie war die Stimmung in der Kirche?

Die Kirche war voll, es waren viele junge Leute da, die aber hauptsächlich aus der Gegend kamen. In den einschlägigen Kreisen in der DDR hatte sich das Konzert nicht herumgesprochen, sonst wäre die Szene aus der ganzen DDR angereist. Biermann selbst hatte wohl nicht damit gerechnet, in Prenzlau anzukommen und niemandem von seinem Auftritt erzählt. So war hauptsächlich regionales Publikum dort, das Biermann aber gut kannte und seine Lieder mitsingen konnte.

Erinnern Sie sich noch an ein Lied oder eine Redepassage von Wolf Biermann, die Sie besonders berührt hat?

Der ganze Abend war eine Sensation! Wir haben uns gegenseitig in den Arm gekniffen, um uns zu vergewissern, dass wir wirklich erleben, wie Wolf Biermann auf dem Boden der DDR öffentlich singt. Das war unglaublich schön und ermutigend.

Zwei Monate nach dem Konzert wurde Wolf Biermann ausgebürgert. Was bedeutete das für Sie?

Durch die frische Erinnerung, ihn noch kurz zuvor live in der DDR erlebt zu haben und durch die Erfahrung, was sein Auftritt für eine Ermutigung und Stärkung ist, haben wir die Ausbürgerung doppelt als Katastrophe empfunden.

Anlässlich des 40. Jahrestags des letzten Biermann-Konzerts vor der Ausbürgerung aus der DDR findet am 25. November 2016 in der St. Nikolaikirche Prenzlau ein Konzert und eine Lesung mit Wolf Biermann statt:

„Warte nicht auf bessre Zeiten“ - Konzert und Lesung mit Wolf Biermann in Prenzlau

Beginn: 25.11.2016, 19 Uhr

Ort: St. Nikolaikirche Prenzlau, St. Nikolaikirchplatz 2, 17211 Prenzlau

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