„Die Angst war immer da, auch festgenommen zu werden“. Der westdeutsche Fotograf Hans-Peter Stiebing dokumentierte die Proteste am 7. Oktober 1989

Tags: Fundstücke, 7. Oktober, Berlin, Proteste

In unserer Gesprächsreihe „Fundstücke“ stellen Ausstellungsmacher und Zeitzeugen der Revolution Fotos, Filme und Dokumente aus der Open-Air-Ausstellung vor, die ihnen besonders wichtig sind. Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, fotografierte der westdeutsche Fotojournalist Hans-Peter-Stiebing, wie in Ost-Berlin Tausende gegen den Machtanspruch der SED protestierten. Im Gespräch mit Anja Karrasch erinnert er sich, wie die Fotos entstanden sind.

Festnahme eines Demonstranten in der Nähe der Dimitroffstraße in Ost-Berlin (Prenzlauer Berg)
Quelle: Hans-Peter Stiebing

Herr Stiebing, Ihr Foto in der Ausstellung zeigt die Festnahme eines Demonstranten. Wie kam es dazu?

Auf Höhe des Thälmanndenkmals in der Nähe der Dimitroffstraße (heute Danziger Straße) passierte es im Verlauf der Proteste, dass FDJler in mehreren Ikarusbussen angekarrt wurden. Die Busse fuhren in die Seitenstraßen und die FDJ Ordnungsgruppen in ihren blauen Parkas sprangen raus. Sie bildeten Ketten und stellten sich den Demonstranten entgegen. Und dann ging es richtig zur Sache. Plötzlich waren die Stasileute da und nahmen einzelne Demonstranten fest - teilweise gezielt aber auch willkürlich. Brutal waren die "Zuführungen" in jedem Fall.

Was hatte sich in den Stunden davor abgespielt?

Als Reaktion auf die aufgedeckten Fälschungen der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 traf man sich seitdem an jedem 7. eines Monats um 17 Uhr auf dem Alexanderplatz. Und so auch am 7. Oktober. Innerhalb kürzester Zeit war der Platz um die Weltzeituhr voll. Dicht an dicht gedrängt standen die Leute zusammen. 300 Meter weiter feierte die DDR-Regierung mit Staatsgästen den Republikgeburtstag. Deshalb lautete die Parole „Wir gehen zum Palast der Republik“. Die Leute gingen also in Richtung Rathausbrücke und skandierten Parolen wie „Wir bleiben hier“ und „Neues Forum“. Überall waren Volkspolizisten, die den Bereich um den Palast der Republik abschirmten. Die Menschen wichen dann in Richtung Marx-Engels-Forum aus, wo es zu ersten Tätlichkeiten - auch gegen Journalisten - durch Polizeikräfte kam. Einem Kollegen wurde dabei der Blitz von der Kamera abgerissen. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa zwölftausend Menschen vor Ort.

Sie waren für den britischen Observer akkreditiert, um die Feierlichkeiten zu fotografieren. Hatten Sie damit gerechnet, dass es zu den Protesten kommen würde?

Nicht in dem Ausmaß. Ich hatte die Entwicklung in der DDR verfolgt, deshalb wusste ich von der Aktion auf dem Alexanderplatz. Natürlich wollte ich nicht nur die offiziellen Feierlichkeiten dokumentieren und war deshalb wie viele andere Journalisten und Fotografen gegen halb fünf an der Weltzeituhr. Es überraschte uns, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon mehrere hundert Menschen versammelt hatten. Innerhalb von wenigen Minuten wurden plötzlich aus den hundert Leuten ein paar tausend. Als die Menge über den Alex in Richtung Rathausbrücke ging, kamen immer mehr Leute aus den Seitenstraßen und wir hörten die ersten Sprechchöre. Ich spürte, dass die Leute keine Angst mehr hatten. Sie fassten Mut, weil sie so viele waren. Hinzu kam, dass Dutzende westliche Fernsehteams und Fotografen die Ereignisse dokumentierten, weswegen die Menschen sich sicherer fühlten.

Gab es eine Marschroute?

Nein, es gab keinen Plan. Aber das Gelände rund um das Marx-Engels-Forum war unübersichtlich, deshalb bewegte sich die Menge dann in Richtung Palasthotel – dem heutigen Park Inn Hotel – und dann über die Karl-Liebknecht-Straße zur Mollstraße. Dort gab es die ersten Sprechchöre „Gorbi, Gorbi“ und „Die Mauer muss weg“ - damit wurde faktisch die Existenz der DDR infrage gestellt. Da wusste ich, jetzt wird es ernst. An der Mollstraße bei der ADN-Zentrale kam es zu weiteren Übergriffen. Es kamen zwei Leute aus dem Gebäude heraus und nahmen einem dpa-Kollegen beide Kameras weg - eine gezielte Aktion. Der AP-Fotograf Jockel Fink wurde festgenommen und mehrere Stunden in Polizeigewahrsam festgehalten, wie wir später erfuhren.

Welche Ängste kamen bei Ihnen auf, als die Staatsmacht eingriff?

Wir hatten Angst, ebenfalls festgenommen zu werden und dass unser Fotomaterial beschlagnahmt würde. Ich erinnere mich daran, dass versteckt hinter Rabatten Volkspolizisten standen und mein Kollege Andreas Schoelzel zu mir sagte: „Pass auf, die haben Elektroschlagstöcke. Kollegen von uns haben sie schon in Leipzig zu spüren bekommen“. Weiter ging es über die Hans-Beimler-Straße. Hier riefen Hunderte „Die Mauer muss weg“ und „Freie Wahlen“. Die Situation war konfus und als Fotograf aus Westberlin kannte ich die örtlichen Verhältnisse nicht. Ich hatte zeitweise die Orientierung verloren. Inzwischen war es dunkel, die Leute waren nervös, weil man nicht wusste, was an der nächsten Straßenecke passieren würde.

Der Stasimann auf dem Foto schaut direkt in Ihre Kamera. Ist er auch gegen Sie vorgegangen?

Dass er mich anschaut, habe ich gar nicht gesehen. Es war stockdunkel. Die Angst war immer da, auch festgenommen zu werden, deshalb verfolgten wir Fotografen die Taktik, ein Foto zu machen und sich sofort wieder zurückzuziehen. Wenig später habe ich mich mit einem Kollegen auf den Weg zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße gemacht. Die DDR Grenzer dort waren noch nicht informiert über das, was im Prenzlauer Berg vorgefallen war, weshalb wir ohne Probleme mit unserem Fotomaterial zurück nach Westberlin gelangten. Ein wenig Glück gehört immer dazu!

Der Fotograf Hans-Peter Stiebing arbeitet seit den 1980er Jahren als freier Fotojournalist, u.a. für den Stern, den Spiegel und die taz. Er war Mitbegründer der Fotografenagentur ZENIT. Seine Langzeitdokumentation über die Mauer und das Leben in Ost- und West-Berlin wird europaweit in Ausstellungen präsentiert.

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