Tina Krone: „Das Gefühl von Befreiung, das überträgt sich bis heute“

Tags: Fundstücke, 9. Oktober, Leipzig, Montagsdemonstration

In unserer Gesprächsreihe „Fundstücke“ stellen Ausstellungsmacher und Zeitzeugen der Revolution Fotos, Filme und Dokumente aus der Open-Air-Ausstellung vor, die ihnen besonders wichtig sind. Tina Krone, Leiterin des Archivs der DDR-Opposition und Kuratorin, erzählt die Geschichte eines Films, der am 9. Oktober 1989 heimlich bei der Montagsdemonstration in Leipzig aufgenommen wurde. 

Frau Krone, warum haben Sie gerade dieses Video ausgewählt? Was ist Ihnen daran wichtig?

Dieser Film vom 9. Oktober aus Leipzig, der von zwei Berlinern aufgenommen wurde, ist für mich so beeindruckend, weil darin alles zusammenkommt: Er zeigt, warum die Revolution 1989 begonnen hat und gleichzeitig wird darin auch schon das Ende der DDR sichtbar.

In was für einer Situation ist der Film entstanden?

In den Nächten vom 7. und 8. Oktober 1989 hatte die Volkspolizei in Ost-Berlin brutal auf Menschen eingeprügelt. Es gab über 1.000 Festnahmen, Teilnehmer eines Gebets in der Gethsemanekirche waren eingekesselt worden und mussten wahre Gewaltorgien erleben. Dann kam der 9. Oktober 1989 und alle schauten nach Leipzig. Die Situation war sehr angespannt, es war klar, die Regierenden wollen ein Exempel statuieren. Trotz der Verhaftungen hatten sich immer mehr Menschen an den Montagsdemos beteiligt. Alle spürten: An diesem Montag gibt es eine Entscheidung.

Wo haben Sie diesen Abend verbracht?

Ich war in Berlin, aber mein Lebensgefährte war in Leipzig. Wir hatten ja keine Handys, deshalb konnten wir uns nicht erreichen. Und so habe ich den ganzen Tag Westradio gehört, die DDR-Sender haben natürlich nichts berichtet.

Aus Leipzig erreichten uns Gerüchte, dass Blutkonserven geordert worden seien, dass Eltern ihre Kinder aus den Kindergärten bis 15 Uhr abholen sollten, dass die Geschäfte in der Innenstadt am Nachmittag schließen würden. Angeblich war die NVA schon im Alarmzustand, irgendwer hatte schon Panzer gesichtet. Es wurde Angst verbreitet und die übertrug sich in die ganze DDR. So wollte die Staatsmacht die Demonstration verhindern.

Aber das Konzept ging nicht auf, die Leute kamen erst recht. Es war ein Tag, an dem alle das Gefühl hatten, sich entscheiden zu müssen: für oder gegen Veränderungen. Viele sagten später, sie hätten es nicht verantworten können – weder vor sich, noch ihren Kindern gegenüber – an diesem Montag nicht Farbe bekannt zu haben. Die Leipziger waren fast alle auf der Straße, auf der einen oder anderen Seite, wie man heute weiß.

Zum Montagsgebet in der Nikolaikirche kamen so viele, dass weitere Kirchen öffneten. Auf der Straße versammelten sich immer mehr Menschen. Wer war potenzieller Demonstrant, wer nur neugieriger Passant? Die Einsatzkräfte hätten alle verhaften müssen, um die Demonstration zu verhindern.

Weil die Leute an den Montagen vorher die Route schon gelaufen waren, brauchten sie keine Ankündigungen. Die Menschen strömten einfach aus den Kirchen zum Innenstadtring. Im Film hört man die Sprechchöre: „Wir sind das Volk“ und „Schließt euch an“. Man sieht keine Transparente, trotzdem sind die Bilder so machtvoll.

Zu der Geschichte gehört auch, dass der SED-Bezirkssekretär beim Politbüro in Berlin anrief und um eine Entscheidung bat. Egon Krenz, der für Sicherheitsfragen zuständig war, versprach zurückzurufen. Doch der Rückruf kam so spät, dass die Demonstranten den Innenstadtring schon geschlossen hatten. Da entschieden die Verantwortlichen vor Ort offenbar: dieses Blutbad richten wir nicht an. 

Was haben Sie in diesen Stunden gemacht?

Ich war auf einer Veranstaltung unseres Friedenskreises, danach bin ich zur Gethsemanekirche. Ganz anders als in den Tagen zuvor war dort kein einziger uniformierter oder ziviler Polizist, kein Staatssicherheitsangestellter, keine Bereitschaftspolizei. Die waren kurz vorher abgezogen worden. Die guten Nachrichten aus Leipzig waren schon in Berlin angekommen. Jemand ist auf den Kirchturm und hat die Glocken geläutet. Dazu die Kerzen in den Fenstern der Anwohner. Zeugen dieser Tage erinnern sich bis heute daran: Die Anwohner waren aus ihrer Anonymität herausgetreten, hatten ganz persönlich – unter Angabe ihrer Adresse sozusagen – Solidarität mit denen bewiesen, die verhaftet wurden. Nach den fürchterlichen Wochen davor kam jetzt ein tiefes Gefühl von Erleichterung auf.

In der DDR eine Demonstration offen zu filmen, war sicher nicht einfach. Wie ist das gelungen?

Das ist eine abenteuerliche Geschichte. Sie begann damit, dass die Kamera von West-Berlin nach Ost-Berlin geschmuggelt werden musste. Das organisierte der in West-Berlin lebende Journalist Roland Jahn. Die beiden Ostberliner Siegbert Schefke und Aram Radomski drehten mit der Kamera schon ab 1988 Filmbeiträge, die im Westfernsehen, unter anderem in dem  ARD-Magazin Kontraste gezeigt wurden. 

Deshalb wurden die beiden überwacht. Am 9. Oktober verließ Siegbert Schefke seine Wohnung über die Dächer im Prenzlauer Berg. In einer Seitenstraße sprang er zu Aram Radomski ins Auto. Sie wechselten zweimal den Trabi, bevor sie über die Autobahn nach Leipzig fuhren. Auf dem Weg überholten sie Militärkonvois. Der Pfarrer einer Kirche am Leipziger Innenstadtring sperrte ihnen die Tür zum Kirchturm auf. Von dort aus haben sie diese Bilder und Rufe festhalten können. Anschließend ist es ihnen gelungen, die Filme dem Spiegel-Redakteur Ulrich Schwarz zu übergeben. Der ist damit nach West-Berlin gefahren. Am nächsten Tag liefen die Aufnahmen dann in den ARD-Tagesthemen. Das war ein Signal, das in die ganze DDR ging.

Das Gefühl von Befreiung, das überträgt sich bis heute, wenn ich diese Bilder sehe.

Tina Krone, geboren 1957, Studienabschluss 1982 als Diplomlehrerin, ab März 1982 Lehrerin in Berlin. Früh engagiert sie sich in verschiedenen oppositionellen Gruppen der DDR, wie den „Frauen für den Frieden“, oder dem „Friendenskreis Friedrichsfelde“. Ab 1989 ist sie Mitglied des „Neuen Forums“ und sitzt 1990 mit am Frauenpolitischen Runden Tisch. Seit 1992 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Archivs in der Robert Havemann-Gesellschaft. In dieser Funktion war sie 2009 auch eine der Kuratoren der Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ auf dem Berliner Alexanderplatz.
Foto: Uta Schützendorf

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