Argumentation gegen das Freiheits- und Einheitsdenkmal unter dem intellektuellen Niveau eines Kultursenators

Tags: Einheitsdenkmal, Friedliche Revolution, Bürger in Bewegung
Quelle: Milla & Partner_Freiheits- und Einheitsdenkmal

Klaus Lederer hielt in der letzten Sonntagsausgabe des „Tagesspiegels“ ein fragwürdiges Plädoyer gegen das baureife und barrierefreie Freiheits- und Einheitsdenkmal „Bürger in Bewegung“, das auf der Berliner Schlossfreiheit – in unmittelbarer Nähe des Humboldt Forums – entstehen wird. Was sind die „ernsten Probleme“, die er in seinem Beitrag vom 30. April anführt? Er nennt den Standort, die Form des „schlichten Stadtmöbels“ und die angeblich fehlende Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger. Und er unterstellt dem Siegerentwurf wegen der Verwendung der Losungen der Friedlichen Revolution einen „völkischen Gestus“ und behauptet, dass die Minderheit der „Armen, Kranken, Geflüchteten und Rollifahrer“ keinen Zugang zum Denkmal erhalte. Letztlich empfiehlt er: „Starten wir neu.“

Für Leserinnen und Leser, die bisher nur über ähnliche Kolportagen vom Denkmal hörten, scheint die Argumentation des Kultursenators plausibel. Auch, dass Herr Lederer nicht weiß, dass bereits Georg Büchner 1835 in seinem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ einen Bürger „Wir sind das Volk“ rufen lässt und ebenfalls Ferdinand Freiligrath in seinem 1848 geschriebenen Gedicht „Trotz alledem“, wird bei den Lesern kein Entsetzen auslösen. Der promovierte Jurist und langjährige Landesvorsitzende der LINKEN, der als 15-jähriger Gymnasiast die revolutionären Herbsttage von 1989 in Hohenschönhausen erlebte, kann sich ja das Recht herausnehmen, das Denkmal aus persönlichen und geschmäcklerischen Gründen nicht zu mögen und als „simple Wippe mit völkischem Gestus“ abzuqualifizieren. Auch das wird vielleicht wenige aufregen. Aber diesen wichtigen Satz der Friedlichen Revolution nun aggressiven Populisten zu überlassen, käme einer Aufgabe aller Demokraten gleich. Deshalb gehört dieser Satz auf das Denkmal.

Die sogenannten Argumente Klaus Lederers entsprechen gar nicht den Tatsachen, sondern zeugen von bewusster Desinformation und niveaulosem Aufwärmen alter Ressentiments. Damit trägt der Kultursenator und Bürgermeister von Berlin leider nicht zu einem sachdienlichen Dialog bei. Diesen hat er gemeinsam mit der für Stadtentwicklung und Wohnen zuständigen Senatorin Katrin Lompscher bisher abgelehnt – trotz mehrmaliger persönlicher Einladungen zu Präsentationen des Siegerentwurfs. 

Dr. Klaus Lederer verschweigt, dass bereits 2007 die Mehrheit des Deutschen Bundestages nach einem fast 10-jährigen Diskussionsprozess auch mit Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft beschloss, ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland zu bauen. Und er verschweigt in seinem Beitrag auch, dass 2008 abermals eine klare Mehrheit im Deutschen Bundestag entschied, dieses Denkmal auf der Schlossfreiheit zu errichten – mit einem eindeutigen Bezug auf die Friedliche Revolution und die im ehemaligen Palast der Republik 1990 beschlossene Deutsche Einheit.

Lederer war zu dieser Zeit als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Landesvorsitzender der LINKEN über diese Debatten im Bundestag gut informiert – aber er äußerte sich in diesen Jahren nie dazu. Jetzt behauptet er sogar, die Initiatoren des Denkmals und die damaligen Mehrheiten im Deutschen Bundestag missbrauchen mit diesen Beschlüssen Kaiser Wilhelms nicht mehr existentes protziges Denkmal mit den dazugehörigen Kolonnaden als „Paten für Einheit und Freiheit“, weil das künftige Denkmal ausgerechnet auf der Berliner Schlossfreiheit an die Friedliche Revolution und die damit verbundene Freiheit und spätere Einheit erinnern soll.

Lederer unterschlägt auch, dass Ende 2008 die Bundesregierung einen offenen, zweistufigen und internationalen Wettbewerb auslobte und zu den Sachpreisrichtern der allseits geschätzte Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz gehörte. Lederer verschweigt ebenfalls, dass 30 deutschlandweite Veranstaltungen zum Wettbewerb unter Beteiligung der Bevölkerung und der „Deutschen Gesellschaft“ stattfanden, die der Bund finanzierte. Insgesamt lagen dem Preisgericht 920 Bewerbungen vor, bevor es im Herbst 2010 aus einer Endauswahl von 28 Entwürfen drei gleichberechtigte Preisträger bekanntgab. Diese Preisträger erhielten danach die Möglichkeit, ihre Entwürfe entsprechend der Auslobung zu optimieren.

Und im April 2011 gab der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Vertretung des Auslobers, des Bauherrn und der unabhängigen Wettbewerbsgremien (darunter 27 Künstler, Architekten, Stadtplaner, Historiker und Politiker wie André Schmitz) abschließend die Entscheidung für den Siegerentwurf „Bürger in Bewegung“ bekannt: „Mit dem beeindruckenden Entwurf des Freiheits- und Einheitsdenkmals ist eine moderne und zeitgemäße Form des Denkmals gefunden worden…Ich bin sicher, hier wird ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Geschichte geschaffen und damit eine Attraktion mitten in Berlin, gerade für junge Leute...An dieser Stelle stand bis 1950 das Nationaldenkmal, das das Kaiserreich glorifizierte. Das nun an genau dieser Stelle das Freiheits- und Einheitsdenkmal entsteht, demonstriert einprägsam den historischen Wandel Deutschlands hin zu einer Demokratie in Frieden und Freiheit.“ 

Warum erwähnt Kultursenator Lederer diese Fakten nicht? Er weiß ja auch, dass seit Mai 2016 nochmals vielfältige Gespräche zu den Intentionen, den technischen Rahmenbedingungen und Kosten des Denkmals stattfanden. Der Kultur- und Medienausschuss des Bundestages führte Ende Januar 2017 eine konstruktive Anhörung durch. Alle positiven Voten veranlassten die Spitzen der Regierungsfraktionen am 14. Februar 2017 schließlich, den zwischenzeitlichen Stopp aufzuheben und der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass das Denkmal gebaut und im Herbst 2019 eingeweiht wird.

Wohin will nun Klaus Lederer mit seinen rückwärtsgewandten Argumenten starten? Zu neuen Wettbewerben, zu Bevölkerungsumfragen oder zu einem Ende für das Denkmal?

Diese leicht geschwungene, mit Messing beschichtete und langsam nach oben und unten bewegliche Stahlschale von 51 mal 22 Metern, die mit ihrer kinetischen Funktion als Denkmal der Freude und des Glücks einmalig in der Welt ist, lädt mit ihrer ingenieurtechnischen Meisterleistung und formschönen Ästhetik zur Interaktion und Verständigung von bis zu 1.400 Besucher*innen aus der ganzen Welt ein. Sie kann sich innerhalb von einer Minute wie eine Waage langsam senken und heben oder auch in Balance gehalten werden, je nachdem wie sich die Besucher*innen verständigen und entscheiden.

Ja, Herr Lederer, auch Arme, Kranke, Geflüchtete und Rollifahrer werden nicht ausgeschlossen und können sich auf dieser symbolischen Waage u.a. über Freiheit, Demokratie und Frieden austauschen – am Ort vielfältiger historischer Bezüge und Kulturbauten von Weltrang. Gelungene zeitgenössische Denkmale entfalten nach meiner

Auffassung ihre Intentionen und wirkungsästhetischen Möglichkeiten erst im aktiven Zusammenspiel mit den Besuchern und zielen nicht nur auf das Heute oder nur auf eine Botschaft. Dieses Denkmal kann nicht allein die komplexen historischen Zusammenhänge der deutschen Freiheits- und Einheitsgeschichte erzählen. Damit würde man es gänzlich überfrachten. Das Denkmal soll sichtbarer Anlass sein, sich über die errungene Freiheit und Einheit zu freuen, Fragen zur Geschichte zu stellen und sich bewusst zu machen, wie fragil Freiheit, Frieden und auch unsere Demokratie sind – heute, morgen und in Zukunft.

5. Mai 2017

Günter Jeschonnek: Regisseur und Kulturmanager, wurde nach zwei Jahren Berufsverbot und als Mitbegründer und Sprecher einer Oppositionsgruppe am 10. Dezember 1987 nach West-Berlin ausgebürgert.

Veranstaltungshinweis:
Auf Einladung des ARTS CLUBS BERLIN präsentieren Sebastian Letz und Johannes Milla 
gemeinsam mit Günter Jeschonnek am 15. Mai 2017 um 19.30 Uhr das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal „Bürger in Bewegung“ - Schöneberger Ufer 57D, 10785 Berlin

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*

*
Blog aufrufen
Kontakte aufrufen
zum Seitenanfang