Wo Europas Freiheit begann - das „Europäische Zentrum Solidarność“ in Danzig

Tags: Europäisches Zentrum Solidarność, Danzig, Polen, Lenin-Werft, Lech Walesa
Außenansicht des "Europäischen Zentrums Solidarność" in der alten Lenin-Werft im Danziger Hafen.
Quelle: Nikola Kuzmanic/SUPERillu

Die Erinnerung an die friedliche Revolution hat spätestens seit 2014, als das „Europäische Zentrum Solidarność“ in Danzig eröffnet wurde, in unserem Nachbarland Polen noch einen sichtbar höheren Stellenwert als in Deutschland.

Das neue Zentrum, für mehr als 60 Millionen Euro erbaut und eingerichtet, steht an einem für Europa besonders bedeutenden Platz: der alten Lenin-Werft im Danziger Hafen, die 1980 zum Ausgangspunkt des Solidarność-Aufstandes wurde. Es ist der Ort, an dem Europas Freiheit begann.

Das Zentrum ist dabei nicht nur ein Museum, sondern auch ein Archiv der einstigen Opposition, eine Bibliothek – und vor allem auch ein Begegnungsort. Viele größere Veranstaltungen und Empfänge finden dort statt, in den zwei Jahren seit der Eröffnung wurde es zu einem Zentrum des öffentlichen Lebens in Danzig. Spezielle Besuchsprogramme für Kinder und Jugendliche sollte daneben die jüngere Generation erreichen.

Neben dem alten Werktor, das erhalten blieb, wuchs ein mächtiges Museumsgebäude, das auf mehreren Etagen erzählt, was damals in Polen und den anderen Ländern unter kommunistischer Herrschaft geschah. Auch die DDR ist dort ein wichtiges ­Thema. Nach mühsamen Jahren des Neubeginns, in denen das neue Polen mit denselben Problemen zu kämpfen hatte wie auch die Menschen im Osten Deutschlands – Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung, Existenzangst,  Zusammenbruch ganzer Industrien (inklusive der Werft), ­Entwertung der Lebensleistung vieler Menschen und zäher Wiederaufbau –, ist heute auch in Danzig der Alltag einer „normalen“ westlichen Großstadt eingekehrt. Einkaufszentren, Werbeplakate und Autohäuser säumen die Straße von der inzwischen liebevoll restaurierten Altstadt bis zur einstigen Lenin-Werft. Die dortige Ausstellung ist eine faszinierende Zeitreise – in eine Welt, die viele der heute jüngeren Be­­sucher gar nicht mehr selbst erlebt haben.

Der berühmteste „Ausstellungs­gegenstand“ in dem futuristischen, einem stählernen Schiffsrumpf nachempfunde­nen Ausstellungsgebäude ist dabei ein lebender: Der einstige Solidarność-Anführer Lech Walesa, der von 1990 bis 1995 auch Präsident seines Landes war, hat hier bis heute sein Büro. Der 72-Jährige empfängt oft, inmitten der Relikte des Erbes der Solidarność Gäste aus dem ganzen Land und aus aller Welt.  Politisch setzte er sich in den vergangenen Jahren vor allem für Versöhnung ein, auch mit dem einstigen Machthaber Jaruzelski, den er in dessen letzten Lebensjahren sogar am Krankenbett besuchte und ihm die Hand reichte. „Warum sollten wir bis zum Ende Feinde sein? Unser Land ist jetzt frei. Ich freue mich darüber. Unser Kampf ist zu Ende“, sagte er dazu 2012 in ei­­nem Interview mit SUPERillu. Walesa warb dabei auch um Verständnis für Jaruzelski, der einer „unglückli­chen Generation“ angehört habe. Er und die polnischen Kommunisten hätten wenig politischen Spielraum gehabt, nachdem Stalin Polen 1945 besetzte. Umgekehrt bat Jaruzelski um Verzeihung bevor er 2014, 90-jährig, starb.

Sein Versöhnungswille brachte Walesa auch Anfeindungen ein. Zuletzt warf man ihm sogar vor, mit dem Staatssicherheitsdienst kooperiert zu haben. Auch in der aktuellen politischen ­Auseinandersetzung zwischen ­EU-Skeptikern der polnischen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) und der Bürgerplattform PO, die beide das moralische Erbe der Solidarność für sich beanspruchen, versucht er zu vermitteln.

Dabei ist eines klar: Das Erbe der Solidarność gehört weder den einen noch den anderen. Und auch nicht den Polen allein. Sondern allen Menschen in der Mitte Europas, deren heutige Freiheit ihren Anfang in der Danziger Lenin-Werft nahm.

Zur Website des Europäschen Zentrums Solidarność (Englisch): www.ecs.gda.pl

Unser Gastautor Gerald Praschl ist Mitglied der Chefredaktion - Politik von SUPERillu.

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