Spießigkeit und Macht: Ein Besuch im Stasi-Museum

Tags: Stasi-Museum, Campus, Stasi-Zentrale

Die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg: Am Anfang waren es nur einige Räume im Finanzamt, am Ende umfasste der Sitz des Ministeriums für Staatsicherheit (MfS) rund 50 Dienstgebäude auf einem Areal von über zwei Quadratkilometern. Das Zentrum bildete das Haus 1. Hier hatte Stasi-Minister Erich Mielke von 1962 bis 1989 sein Büro, seit 1990 ist es ein Museum. Die Dauerausstellung "Staatssicherheit in der SED-Diktatur" informiert auf drei Etagen über die Entwicklung, die Funktion und die Arbeitsweise der Staatssicherheit.

Die rot-marmorierten Steinwände im Foyer glänzen, neben dem maßstabsgetreuen Modell des Stasi-Geländes steht eine bronzene Leninstatue. Abgesehen davon sind die Insignien der Macht vergleichsweise bescheiden. Kaum vorstellbar, dass Erich Mielke als Minister für Staatssicherheit von hier aus jahrzehntelang die Bespitzelung, Manipulation und Unterdrückung der DDR-Bevölkerung organisierte.

Im Eingangsbereich des Museums steht ein weißer Transporter, der eindrücklich zeigt, wie die Stasi agierte: Perfekt getarnt bespitzelte und inhaftierte sie Systemkritiker. Der schlichte, fensterlose Kleintransporter konnte fünf Häftlinge unauffällig durch den Stadtverkehr transportieren. Im Innenraum hatte die Stasi winzige Zellen eingebaut, die gerade genug Platz zum Sitzen boten.

Der Kleintransporter Barkas, umgebaut zum Gefangenentransporter der Stasi, im Foyer des Stasi-Museums.
Quelle: Anja Karrasch

1989 arbeiteten für die Stasi mehr als 90.000 Hauptamtliche

Ein Leitsystem aus Informationsstelen und Schildern erleichtert den Ausstellungsbesuchern die Orientierung, jedes Thema ist farblich markiert: der Auftrag, die Täter, die Minister-Etage, das MfS in Aktion und das Ende der Staatssicherheit. Zeitverläufe an den Flurwänden veranschaulichen die Entwicklung der Stasi.

Wo früher MfS-Offiziere im Geheimen arbeiteten, ist heute zu sehen, mit welcher Perfidität und Grausamkeit die Stasi zu Werke ging. Es werden Schicksale von Stasi-Opfern geschildert, Tondokumente, Fotografien, Filme und originale Objekte wie Kameras oder Wanzen liefern Innenansichten der Geheimpolizei. Eine Grafik illustriert, wie der Apparat systematisch ausgebaut wurde: 1950 beschäftigte das MfS 700, 1989 etwas mehr als 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter.

Zitate hängen wie Sprechblasen an der Wand. Sie geben Einblicke in das Selbstbild der Stasi, etwa wenn ein Mitarbeiter klagt: „Das war eigentlich das Schlimme an unserer Arbeit. Wir hatten so viele Eindrücke, positive und negative, und durften darüber nicht reden“.

Überwachungstechnik der Stasi: Miniaturkameras, versteckt in Krawatten, Einkaufstaschen oder Gießkannen.
Quelle: Anja Karrasch

Beklemmender Kontrast: Spießigkeit und grausame Entscheidungen

Die zweite Etage war Erich Mielkes Reich. Räume, die vor Spießigkeit nur so strotzen. Furnierte Tische und Stühle im großen Konferenzsaal, klobige Sessel aus Kunstleder im Casino, weiße Gardinen an den Fenstern, hellblaue Kacheln im Bad. Die original erhaltene Mielke-Etage hat es inzwischen sogar ins Fernsehen geschafft: 2014 wurde hier die TV-Serie „Weißensee“ gedreht, die die Geschichte einer Familie und vom Leben in der DDR erzählt.

Die spießige Atmosphäre steht in beklemmendem Kontrast zu den Entscheidungen, die hier getroffen wurden: In diesen Räumen wurden Todesurteile gefällt und landesweite Bespitzelungsaktionen geplant, wie eine Etage höher dokumentiert wird. Ein Film zeigt dort die erschütternde Geschichte des Regimegegners Wolfgang Welsch, den die Stasi unter dem Auftragsnamen „Skorpion“ mehrfach versuchte umzubringen. Er überlebte und schrieb nach dem Mauerfall das Buch „Ich war Staatsfeind Nr.1“.

Schreibtisch von Stasi-Minister Erich Mielke, zu besichtigen in der zweiten Etage des Stasi-Museums in Berlin-Lichtenberg.
Quelle: Anja Karrasch
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