Unterwegs im Stasi-Revier

Tags: Stasi-Zentrale, Geländeführungen, Campus, BStU

Von 1950 bis 1990 befand sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Lichtenberg. In der Stasi-Zentrale arbeiteten bis zu 7000 hauptamtliche Mitarbeiter. Das über zwei Quadratkilometer große Gelände war für die Bevölkerung nicht zu betreten. Heute können Besucher das Stasi-Revier bei einer Geländeführung erkunden. 

Vom U-Bahnhof Magdalenenstraße sind es nur wenige Meter bis zur ehemaligen Machtzentrale der SED-Diktatur. Hohe Plattenbauten flankieren den Eingang wie kolossale Betonskulpturen. Eine Auffahrt führt vorbei an trostlosen Brachflächen, auf einem Hinterhof spielen Kinder der Flüchtlingsfamilien, die in einer Notunterkunft auf dem Gelände untergebracht sind. Ihre Lebendigkeit und ihre hellen Stimmen stehen im Kontrast zu den grauen, roh verputzten Fassaden in dem riesigen Gebäudekomplex.

Haus 1 - Machtzentrum der ehemaligen Stasi-Zentrale
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ilona Schäkel

Das Gelände war hermetisch abgeschirmt

Heute sind 25 Besucher gekommen, um in den nächsten anderthalb Stunden von Franciscus Rögnitz mehr darüber zu erfahren, welche Funktionen die einzelnen Gebäude hatten und was sich dort abspielte. In der Nähe des Treffpunktes, in den Häusern 8 und 9 befindet sich das Stasi-Akten-Archiv. Hier lagern rund 43 Kilometer Schriftgut und Karteikarten sowie viele Bild- und Tondokumenten der Stasi.

In Haus 1, dem zentralen Gebäude auf dem Gelände, residierte Erich Mielke im zweiten Stock als Minister für Staatssicherheit von 1961 bis zum Ende der DDR. Mitte der 1970er Jahre ließ die Stasi einen Vorbau aus Beton am Eingang errichten. Der sollte verhindern, dass von den höheren Stockwerken der Wohnhäuser entlang der Frankfurter Allee gesehen werden konnte, wer dort ein- und ausging. Gegenüber vom Sitz des Stasi-Chefs auf einer Anhöhe steht Haus 22, ein zweistöckiges Gebäude. Hier befand sich das Offizierskasino der Geheimpolizei, auch Feldherrenhügel genannt.

Das ehemalige Offizierskasino der Staatssicherheit (Haus 22) steht heute wegen Schadstoffbelastung leer.
Quelle: Havemann-Gesellschaft/Ilona Schäkel

Es sind deutschsprachige Touristen und Berliner unter den Besuchern. Sebastian Zilm nimmt aus beruflichen wie privaten Gründen an der Führung teil. Der 25-jährige Geschichtsstudent, der zurzeit ein Praktikum in der Robert-Havemann-Gesellschaft absolviert, ist in der Nähe des Stasigefängnisses in Hohenschönhausen aufgewachsen. Im Stasi-Knast saßen vom Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall 1989 rund 180.000 politische Häftlinge ein, darunter die Liedermacherin Bettina Wegner oder Christian Kunert und Gerulf Pannach von der Ostrockband Renft. "In Lichtenberg bin ich überall mit dem Thema konfrontiert", sagt Sebastian Zilm.

Er hört interessiert zu, als Franciscus Rögnitz erzählt, dass die Stasi-Mitarbeiter die Fenster ihrer Büros geschlossen hielten, damit sie nicht von außen beobachtet werden und keine Akten vom Wind weggeweht werden konnten. Entlang der Ruschestraße und der Frankfurter Allee wurden eigens 13-stöckige Plattenbauten errichtet, um das Gelände optisch abzuschirmen. Die bisherige Wohnbebauung wurde abgerissen oder in Büros umgewandelt. Neue Bürohochhäuser und ein Archivgebäude kamen hinzu, eine Kirche und zwei Straßenzüge verschwanden. Nur Stasi-Mitarbeiter hatten Zutritt zu diesem Gelände.

Blick über die künftige Ausstellungsfläche auf Haus 18
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Ilona Schäkel
Neben großen Empfangssälen und Veranstaltungsräumen befindet sich in Haus 18 auch ein original erhaltenes Kino.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Tom Sello

Bürgerrechtler verhinderten die Vernichtung der Stasi-Akten

Der Rundgang führt über die Magdalenenstraße vorbei am ehemaligen Stasi-Gefängnis, das heute ein Frauengefängnis ist, und biegt nach links ab in die Normannenstraße. Durch einen weiteren Hofzugang geht es zu Haus 18, einem gewaltigen Betongebäude. Neben Konferenzräumen gab es hier auch einen Veranstaltungssaal, ein Kino, ein Reisebüro, einen Frisör und einen Konsum.

Franciscus Rögnitz erzählt, was sich hier am Abend des 15. Januar 1990 abspielte. Tausende Demonstranten skandierten vor der Stasi-Zentrale "Macht das Tor auf!". Als sie schließlich auf das Gelände stürmten, befanden sich dort nur wenige Mitarbeiter. Die Stasi war informiert, nur die Wachleute hielten die Stellung und sollten die Demonstranten zurückdrängen. Es war dunkel, keiner kannte sich auf dem Gelände aus. So rannten die Menschen zunächst zu Haus 18, das hell erleuchtet war. Ein Ablenkungsmanöver, um die Besetzer vom Archiv und den Büros der Stasi-Mitarbeiter wegzulocken, wie heute vermutet wird.

Die beiden Touristen Jan Meyer und Ingo Spronk-Sprünken vor dem Eingang von Haus 18.
Quelle: Anja Karrasch

Wer nach der Führung mehr darüber erfahren möchte, wie die Stasi gearbeitet hat, kann das Stasi-Museum besuchen. Jan Meyer und Ingo Spronk-Sprünken aus Kleve sind neugierig auf die Büroetage von Erich Mielke. Auch die kann im Rahmen der Dauerausstellung zur Entwicklung und Geschichte der Stasi in Haus 1 besichtigt werden.

Von April bis Oktober werden einmal im Monat Führungen über das frühere Gelände der Zentrale des Staatssicherheitsdienstes angeboten. Die Geländeführungen beginnen jeweils um 10 Uhr und dauern etwa 90 Minuten. Treffpunkt ist vor dem Eingang des BStU-Archivs in Haus 7. Der Eintritt ist frei. Der nächste Termin ist am Samstag, dem 7. Mai.

Weitere Informationen unter www.bstu.bund.de

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