Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Antje Böttger

geboren 1958 in Dresden

Antje Böttger hörte schon früh in ihrer westsächsischen Heimat von der Familie, „dass einem der Himmel nicht auf den Kopf fällt, wenn man aufmuckt in der Diktatur“. Der Urgroßvater hatte beispielsweise den Abstieg vom Prokuristen einer Textilfabrik zum Kirchendiener in Kauf genommen, weil er sich weigerte, für Wehrmachtsaufträge in die NSDAP einzutreten. Als Antje selbst vor der Frage stand, sich entweder von der Kirche zu distanzieren oder das Abitur machen zu können, war für sie die Antwort klar: Sie machte kein Abitur und wurde Krankenschwester.

1978 folgte sie ihrem Mann Martin nach Ost-Berlin und bekam fünf Kinder, die im Laufe von sieben Jahren geboren wurden. Die Wohnung war groß und wegen der Kinder war immer jemand zu Hause. In einem Land, in dem nur eine Minderheit ein Telefon besaß und man deshalb einen kurzfristigen Besuch nirgends ankündigen konnte, wurde sie schnell zur ersten Anlaufadresse. Und da jeder, der kam, auch freundlich aufgenommen wurde, kamen die Oppositionellen oft und zahlreich, gelegentlich auch Besucher aus dem Westen. Antjes Küchentisch wurde zu einem wichtigen Kommunikationszentrum.

In welchen Gruppen sie nun als Mitglied galt und in welchen nicht, ist deshalb schwer zu sagen. In jedem Fall gehörte sie zu den Frauen für den Frieden und zur Initiative Frieden und Menschenrechte. Weil aber alle zu ihr kamen, war sie als Moderatorin geschätzt, wenn es darum ging, Streit und Diskussionen innerhalb der Oppositionsgruppen auszutragen. „Der Berliner neigt ja dazu, sich wie ein Dorfbewohner zu verhalten“, beschreibt sie das lakonisch, „und bei mir mussten es die Angehörigen der verschiedenen Berliner Dörfer ertragen, dass sie alle zusammensaßen.“

Doch sie kümmerte sich auch um andere wichtige Dinge, beispielsweise den Vertrieb von Untergrundzeitschriften, die sie im Kinderwagen unter dem jüngsten Kind unauffällig transportierte. Für verschiedene Oppositionsblätter organisierte sie das nötige Papier. 1989 wurde im Haus ihrer Eltern in Cainsdorf bei Zwickau die große Einliegerwohnung frei. Dort wollte die Familie hinziehen. Wenige Wochen nach dem Umzug wurde Cainsdorf ein zentraler Anlaufpunkt. Ihr Mann Martin gehörte im September zu den Gründern des Neuen Forums. Wieder war das Haus voller Besucher, wieder gab es viel zu organisieren. Antje übernahm im Familienhaus auf dem Berg quasi das Neue-Forum-Büro, beantwortete Briefe, telefonierte und kümmerte sich um die Einrichtung der Büros in den Landkreisen. Als sie das geschafft hatte und es in jedem Landkreis des damaligen Bezirks Karl-Marx-Stadt eine Vertretung des Neuen Forums gab, hat sie diese Arbeit einfach abgegeben. Politische Ambitionen hatte sie ja nie.

Peter Grimm

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