Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Barbara Sengewald

geboren 1953 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)

Eine Gruppe von Frauen, unter ihnen Barbara Sengewald, stand im Dezember 1989 an der Spitze jener, die in Erfurt erstmals die Besetzung einer Bezirksverwaltung des MfS initiierten, um die Vernichtung von Akten zu stoppen.

Nach dem Abitur arbeitete Barbara Sengewald beim FDGB-Feriendienst im Thüringer Wald. Ab Ende der 1970er Jahre lebte sie mehrere Jahre in Berlin und Dresden, wo sie erste Kontakte zu oppositionellen Kreisen bekam. 1986 zog sie nach Erfurt und arbeitete bei den Städtischen Verkehrsbetrieben. Sie beteiligte sich in der Offenen Arbeit der Evangelischen Kirche, wo sich kritische Jugendliche und Kirchenmitarbeiter trafen. Dadurch bekam Sie Schwierigkeiten in ihrer Arbeitsstelle und wechselte in die Buchhaltung einer Handwerksgenossenschaft. Sie engagierte sich in Frauengruppen, die sich für Demokratisierung und die Bildung einer DDR-weit vernetzten Frauenbewegung einsetzten. Im Herbst 1989 war Barbara Sengewald Mitbegründerin des Neuen Forums in Erfurt und der Initiative Frauen für Veränderung.

Am 17.November 1989 löste die Regierung Modrow formal das Ministerium für Staatssicherheit auf und benannte es in Amt für Nationale Sicherheit um. Unter dem früheren Stellvertreter Mielkes, Schwanitz, wurde jedoch die Säuberung und Vernichtung von Akten fortgesetzt. In Erfurt alarmierten am Morgen des 4. Dezember die damit verbundenen Rauchwolken aus dem Gebäude der Bezirksverwaltung die Frauen für Veränderung. Sie versuchten mit weiteren Oppositionellen in der Bezirksverwaltung Einlass zu bekommen, versperrten die Ausgänge des Gebäudes, begannen die Mitarbeiter zu kontrollieren und verlangten die Sicherung des Archivs. Herbeigerufene Militärstaatsanwälte sollten den Vorgang legitimieren. Noch am selben Tag wurde eine Bürgerwache gebildet, rund um die Uhr wurden Wachen aufgestellt. Am nächsten Tag bildete sich ein Bürgerkomitee, das die Auflösung der Geheimpolizei betrieb. Bald wurde das Bürgerkomitee von vielen Erfurtern als einzige vertrauenswürdige kommunale Vertretung angesehen, so dass es sich weiteren kommunalen Themen widmen musste. Nach der Selbstauflösung der Stadtverordnetenversammlung vom Februar 1990 bis zur ersten freien Kommunalwahl im Mai arbeitete Barbara Sengewald für das Neue Forum im Interimsparlament der Stadt Erfurt mit.

Heute ist sie als Betriebswirtin und Beratungsstellenleiterin eines Lohnsteuerhilfevereins tätig. Ehrenamtlich steht sie der Gesellschaft für Zeitgeschichte vor, in der sich u. a. ehemalige Mitglieder des Erfurter Bürgerkomitees um die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte Thüringens und die Errichtung einer Bildungs- und Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-U-Haftanstalt in Erfurt bemühen.

Reinhard Weißhuhn

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