Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Friedrich Schorlemmer

geboren 1944 in Wittenberge

Wahrscheinlich war es kein historischer Zufall, dass der Theologe Friedrich Schorlemmer nach Stationen in Halle und Merseburg seit 1978 in der Lutherstadt Wittenberg lehrte und an der dortigen Schlosskirche predigte. Auch wenn nicht alle dies so empfunden haben mögen, er selbst sah sich wohl in der Rolle eines gelehrigen Luther-Schülers. Er forderte wiederholt den SED-Staat heraus, wollte den Sozialismus als Idee für die DDR aber nicht abschaffen. Wie sein großer Mentor kam Schorlemmer gar nicht umhin, bei allen anzuecken: beim Staat, in evangelischen Gremien – von 1976 bis 1991 war er Synodenmitglied – und auch in Basisgruppen. Er war und blieb unorthodox, gerade weil er nie einer reinen Lehre anhing, sofern das eigene Gewissen nicht dazugehörte.

Bekannt wurde Friedrich Schorlemmer 1983. Er zählte zu jenen Pfarrern, die trotz staatlicher und auch kirchlicher Einschüchterungsversuche an der Bewegung Schwerter zu Pflugscharen festhielten. Früher als viele andere verabschiedete sich Schorlemmer vom Konzept der Kirche im Sozialismus. Im September 1987 sprach er von den Trümmern dieser Idee und beschrieb ein Land, dessen Hoffnungen ebenso in Trümmern lagen wie dessen Zukunftsaussichten. Im Juni 1988 hielt Schorlemmer auf dem Kirchentag in Halle namens des Wittenberger Friedenskreises eine Rede, die in 20 Thesen zur gesellschaftlichen Erneuerung mündete. Er forderte Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen. Die gegenwärtige Gesellschaft sei zerrüttet. Der Staat müsse bewegt werden, seine Ansprüche auf Allmächtigkeit und Allwissenheit aufzugeben. Wenige Monate später forderte Schorlemmer, dass auch in der DDR eine legale Opposition wie in Polen und Ungarn gebildet werden müsse.

Es war fast zwangsläufig, dass Friedrich Schorlemmer zu der kleinen Gruppe gehörte, die seit Sommer 1989 die Gründung des Demokratischen Aufbruchs vorbereitete und dann im Oktober durchführte. Er wurde zu einer der Symbolfiguren des Aufbruchs. Am 4. November 1989 gehörte er zu den Rednern auf dem Ostberliner Alexanderplatz. Im Januar 1990 trat er mit anderen aus dem Demokratischen Aufbruch aus, weil dieser zu konservativ geworden sei und zu einseitig Orientierung an der bundesdeutschen CDU suche. Schorlemmer wurde Mitglied der SPD.

Er blieb ein streitbarer und streitlustiger Zeitgenosse. Auch in den vergangenen 20 Jahren mischte er sich beständig in öffentliche Debatten ein. Schorlemmer gehört zu den wenigen ostdeutschen unabhängigen Stimmen, die gesamtdeutsch gehört werden. Manchen früheren DDR-Oppositionellen ist er seit vielen Jahren geradezu ein rotes Tuch, nicht zuletzt weil er eine Verständigungspolitik mit den Dunkelroten anmahnt. Die DDR-Verhältnisse hat er dabei allerdings nie geschönt. Insofern blieb er sich und seinem Luther treu: beständig zwischen den Stühlen agierend, aber immer ganz bei sich. Friedrich Schorlemmer kam vielleicht schneller an im neuen Deutschland als viele seiner Kritiker.

Ilko-Sascha Kowalczuk

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