Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Jochen Läßig

geboren 1961 in Bockau

Von wegen lässig. Läßig ist meist geschniegelt und gebügelt. Ein Anwalt halt. Lange ist es her, dass er als Revoluzzer mit Bart und üppigem Haar auf Leipzigs Straßen gegen das SED-System ansang. „Die eigentliche Ursache der Revolution war die Müdigkeit des Systems. Wie ein Kartenhaus stand es nur noch da, gegen das einer stoßen musste. Und das waren wir – die Bürgerrechtler“, sagt Läßig.

Jochen Läßig wurde zu einem Protagonisten der Friedlichen Revolution. Er studierte Theologie in Halle, wurde exmatrikuliert und setzte seine Studien am Theologischen Seminar Leipzig fort. Der junge Mann hatte sich bewusst in eine geisteswissenschaftliche Nische zurückgezogen, ohne ernsthaft in Erwägung zu ziehen, Pfarrer werden zu wollen. Im Januar 1989 war Läßig beteiligt an einer spektakulären Aktion der Bürgerrechtsbewegung. Auch in Leipzig gedachte der SED-Staat der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die neuen Revolutionäre riefen zur eigenen Demonstration auf, druckten, verteilten 10.000 Flugblätter, getreu dem Motto „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“. Am 15. Januar kam es zur größten Protestdemonstration, die Leipzig vor dem turbulenten Herbst 1989 erlebte. An ihr nahmen gut 800 Menschen teil. Die Polizei löste die „illegale Ansammlung“ auf und nahm 53 Teilnehmer fest. Auch Läßig wurde inhaftiert.

Im Nachhinein sieht er selbst diese Geschichte gelassen, „die Verhöre lächerlich, keine Folter“. Woher kam nur der Mut, gegen ein scheinbar allmächtiges System aufzubegehren? „Wir hatten mangels Karrieremöglichkeiten nichts zu verlieren. Ich wusste nicht, was ich machen sollte – Hausmeister, Heizer? Oder rübergehen?“ 

Läßig verdiente sich das Geld zum Leben als Straßenmusikant. Passanten waren geschockt, wie da einer Georg Danzers Lied Die andere Seite singen konnte. Läßig: „Eigentlich beschreibt dieser Song das Leben eines Aussteigers. Jeder stellte sich aber damals unter der anderen Seite vor allem die hinter der Mauer vor.“ 
Am 10. Juni 1989 organisierte Läßig ohne staatliche Genehmigung in Leipzig ein Straßenmusikfest. 20 Gruppen spielten auf. 1 000 Polizisten und ebenso viele Zivilbeamte gingen gegen die Musikanten vor und verluden sie auf Lkws. Das Fest wurde ein voller Erfolg – und der Drahtzieher nicht inhaftiert. Läßig erhielt nur einen Strafbescheid über 1.000 Mark. Die Herbst-Ereignisse sorgten dann dafür, dass die nicht gezahlt werden mussten.

Jochen Läßig war kein stiller Revolutionär, er war bei der Stasi der Operative Vorgang „Trompete“. Nach 1989 blieb er politisch aktiv, wirkte als Stadtrat und sorgte noch einmal für Furore, als er 1990 Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Nikolaikirche wegen dessen angeblicher Verstrickung in Rüstungsgeschäfte öffentlich angriff. Es war die Zeit, als der Revolutionär spürte, geistig enteignet zu werden. Das Mikrofon wurde ihm abgedreht. Einige Jahre später wurde er dennoch für seine Verdienste geehrt.

Thomas Mayer

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