Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert
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Jörg (Jolly) Zickler

geboren 1965 in Gotha

Am 4. November 1989 begann für Jolly Zickler der Ausstieg aus der Revolution. An diesem Tag hatten Theaterleute zu einer Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz aufgerufen. Auf der Rednertribüne standen auch Vertreter der alten SED-Eliten, darunter Ex-Stasi-General Markus Wolf. „Mir war unverständlich, warum diese Leute sprechen durften“, erinnert sich Zickler. Herrschaftskritische Oppositionelle wie Zickler begegneten aber auch den neuen Wortführern der Bürgerbewegung mit Skepsis. Auf dem Alexanderplatz traten die Autonomen zum ersten Mal als schwarz-roter Block in Erscheinung.

Zickler, der damals eine sozialdiakonische Ausbildung in Ost-Berlin absolvierte, kam ursprünglich aus der Jenaer Oppositionsszene. Als Jugendlicher erlebte er dort Anfang der 80er Jahre die Zerschlagung der Friedensgemeinschaft Jena mit. Das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Mitglieder der Jungen Gemeinde war für ihn ein Schlüsselerlebnis. Als 1983 viele Oppositionelle ausgereist oder ausgewiesen worden waren, traten die jüngeren, zu denen auch Zickler zählte, in ihre Fußstapfen.

Noch in Jena bereitete er den Kirchentag von Unten mit vor, der 1987 während des evangelischen Kirchentags in Ost-Berlin stattfand. Die Veranstaltung, die kritischen Basisgruppen wie der Offenen Arbeit ein Forum bot, hatte im Vorfeld für heftige Kontroversen mit der Kirchenleitung gesorgt. Nach dem Kirchentag schloss sich Zickler der Kirche von Unten an, die sich wenig später gründete und bald ein Zentrum der Berliner Oppositionsbewegung wurde. Die Kirche von Unten spielte im Mai 1989 eine wichtige Rolle bei den landesweiten Wahlkontrollen, die Jolly Zickler mitkoordinierte. Von nun an ging er regelmäßig auf die Straße, demonstrierte gegen die Wahlfälschung und die blutige Niederschlagung der Proteste in China. 

Anfang Oktober 1989 verbrachte er jede freie Minute bei der Mahnwache für die Freilassung der politisch Inhaftierten in der Gethsemanekirche. In einem Brief vom 7. Oktober schrieb er an seine Eltern: „Drückt mir die Daumen, dass sich unsere Bewacher weiter zurückhalten.“ Noch am selben Abend spielten sich Prügelorgien in den Straßen rund um die Kirche ab. Er selbst wurde bei der Demonstration am 40. Jahrestag der DDR-Gründung auf dem Alex festgenommen und eine Woche in Untersuchungshaft gehalten. 

Jolly Zickler gehörte zu einem Kreis von Oppositionellen, die in der DDR eine selbstbestimmte, von anarchistischen Idealen inspirierte Gesellschaft aufbauen wollten. Der Kapitalismus war für sie keine Alternative, sondern nur eine andere Form der autoritären Regierung. Als der Ruf nach einer schnellen Wiedervereinigung immer lauter wurde, zog sich Zickler enttäuscht aus dem politischen Prozess zurück. Sein Rückzugsort war die Ost-Berliner Hausbesetzerszene, in der sich wenigstens im Kleinen alternative Formen des Zusammenlebens verwirklichen ließen. 

Jolly Zickler arbeitet heute als Sozialdiakon in der Kirche von Unten.

Ilona Schäkel

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