Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Jutta Seidel

geboren 1950 in Brandenburg an der Havel

Jutta Seidel kommt aus einer ländlich-bürgerlichen Großfamilie, die trotz äußerlicher Angepasstheit selbstbestimmt lebte. Der Vater war Neulehrer, später Schulleiter, der Großvater betrieb Mühle und Sägewerk, die Großmutter eine kleine Landwirtschaft. Früh spürte Jutta Seidel den enormen staatlichen Druck auf Selbständige, auf Mutter und Großmutter, die nicht der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft beitreten wollten, oder auf Menschen, die sich zur Kirche bekannten. Sie hörte die Stones und interessierte sich für die Studentenbewegung im Westen, verfolgte mit Schrecken den Einmarsch der sowjetischen Truppen 1968 in Prag. Als sie mit ihrer Schulklasse den heimkehrenden NVA-Soldaten zujubeln sollte, weigerte sie sich. Sie wollte Grenzen ausloten, ihre Meinung sagen, war beeinflusst von Wolf Biermanns kritischen Liedern.

Während des Zahnmedizinstudiums fand sie in der Evangelischen Studentengemeinde nicht nur Rückhalt, sondern auch geistige Nahrung. Manchmal kamen Besucher wie Stefan Heym oder Reiner Kunze. „Das war für mich die Rettung, diese Atmosphäre und die Themen, das gab es anderswo nicht.“ Sie ging nicht mehr zu den großen Staatsfeierlichkeiten und machte die Erfahrung, dass man sich weigern konnte. Zwar wurde sie von der FDJ-Leitung beschimpft, mehr passierte aber nicht.

Jutta Seidel begann in einer Poliklinik zu arbeiten, litt unter dem dort herrschenden ideologischen Druck und der daraus resultierenden Unaufrichtigkeit. Als sie 1982 von einer Freundin gefragt wurde, ob sie eine Eingabe der Initiative Frauen für den Frieden gegen die Verpflichtung von Frauen zum Dienst mit der Waffe unterschreiben würde, war sie froh, aktiv werden zu können. „Ich brauche immer jemanden, der mich anstößt, dann habe ich auch Ideen, wie man es machen kann.“ Neben Atomarer Bedrohung, gewaltfreier Konfliktlösung und Friedenserziehung hatten die Frauen eine Vielfalt an DDR-kritischen Themen, sie organisierten kirchenöffentliche Veranstaltungen.

Jutta Seidel baute Kontakte zu Mitgliedern des Internationalen Ärztevereins für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) auf, gründete 1984 mit weiteren Kollegen den Arbeitskreis Ärzte für den Frieden. Sie machten die Ziele der IPPNW publik, die von der SED-hörigen DDR-Sektion vereinnahmt und umgedeutet worden waren.

1989 gehörte sie zu den Initiatoren des Neuen Forums, beantragte zusammen mit Bärbel Bohley die offizielle Zulassung dieser Bürgerbewegung und gab die Anregung für die große Protestdemonstration am 4. November 1989 in Ost-Berlin.

Für mutig hält sie sich nicht. „Ich habe gemacht, was ich dachte machen zu müssen. Vielleicht haben wir damit Menschen ermutigt, die es auch nicht mehr aushalten konnten.“ Nachdem sie 1990 während der nebenberuflichen Arbeit in der AG Sicherheit des Zentralen Runden Tisches ihre physischen Grenzen erreicht hatte, konzentriert sich Jutta Seidel wieder auf ihren Beruf als Zahnärztin.

Nanette Hojdyssek

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