Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Katja Havemann

geboren 1947 in Neubarnim

Wer Katja, die eigentlich Annedore heißt, begegnet, kann sich täuschen. Ihr freundliches Entgegenkommen ist gepaart mit einem sehr kritischen Blick auf ihr Gegenüber. Sie redet bedächtig, wählt die Worte genau, kann auch schweigen und sich ihren Teil denken. Sich selbst ins Rampenlicht setzen widerspricht ganz und gar ihrem Charakter. Der Aufforderung, ihren bekannten Namen, den sie als Witwe Robert Havemanns trägt, für öffentliche Auftritte zu nutzen, gibt sie nur selten und zögerlich nach. 

Diese Frau zeigt anders Gesicht, als in die Öffentlichkeit zu drängen. Sie macht keine Welle um ihre Person, ist eher der Fels in der Brandung für andere. Für die unruhigen Geister, die heute in der Summe als DDR-Opposition bezeichnet werden, war sie nicht nur die Hüterin des Erbes von Robert Havemann, sondern selbst eine Instanz. Im Herbst 1989 war ihr Grundstück in Grünheide bei Berlin die Wiege einer Initiative, die ganz wesentlich dazu beitragen sollte, endlich in der DDR Veränderungen herbeizuführen. Die Gastgeberin hatte gemeinsam mit ihrer engsten Freundin Bärbel Bohley fast dreißig Mitstreiter eingeladen, um die Bürgerbewegung Neues Forum ins Leben zu rufen. Fortan war sie immer dabei, wenn die Initiativgruppe sich traf, Demonstrationen vorbereitet wurden oder die Öffnung der Akten mit der Besetzung des Stasi-Akten-Archivs im Herbst 1990 erzwungen werden sollte. 

Die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sich in der Öffentlichkeit mit dem Namen Katja Havemann verbindet, veranlasste sie nicht, Ämter zu übernehmen oder ein Aushängeschild der Bürgerbewegung zu werden. Als ausgebildete Sozialpädagogin kümmerte sie sich seit Mitte der 1990er Jahre beruflich um hilfsbedürftige Menschen: Behinderte, sozial Geschädigte, psychisch Kranke. Die Zurücknahme ihrer Person hielt und hält sie jedoch nicht davon ab, sich weiterhin in die gesellschaftliche Auseinandersetzung einzumischen, wenn das Thema ihr so wichtig ist wie z. B. der Umgang mit der Vergangenheit. In den langen Jahren an der Seite Robert Havemanns und nach seinem Tod im Jahr 1982 bei den Ostberliner Frauen für den Frieden oder der Initiative für Frieden und Menschenrechte hat sie vielfachen Verrat erfahren. Sie musste erleben, wie Menschen sich um des eigenen Vorteils willen verbiegen, und dennoch sind Rachegefühle ihr fremd geblieben.

Irena Kukutz

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