Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert
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Klaus-Dieter Boost

geboren 1955 in Eisleben

Die Transitstrecke kennt er wie seine Westentasche. Fast täglich fährt er mit dem Lkw durch die DDR. Trotzdem wundert sich Klaus-Dieter Boost bis heute, wie glatt damals alles ging. Eine Nacht im Sommer 1982: Klaus-Dieter Boost stoppt mit seiner klapprigen Ente auf dem Seitenstreifen der Autobahn nahe Jena. Eine Gestalt öffnet die hintere Seitentür, steigt ein und verschwindet durch einen Schlitz zwischen den Polstern hinter der Rückbank. 100 Kilometer muss der befreundete Medizinstudent aus Jena im Kofferraum ausharren. Bei Eisenach überqueren sie die Grenze. „Ich war fast unnatürlich ruhig“, erinnert sich Boost. Erst Tage später wird ihm klar, welches Risiko er eingegangen ist.

Ein Jahr zuvor, Ostern 1981, hat er mit seinem Freund Olaf Weißbach die eigene Flucht geplant. Zu Fuß wollen sie im Harz über den Zaun in die Freiheit klettern. Aus seiner Zeit als Grenzsoldat weiß der Freund, wo das Minenfeld in den Bergen endet. Alles ist minutiös geplant: Sie haben mit Karte und Kompass im Wald geprobt und eine Strickleiter aus Abschleppseil und Besenstil gebaut. Zwei Tage vor dem verabredeten Termin bekommt Boost Post vom Innenministerium der DDR. Sein Antrag wird bearbeitet, die Ausreise steht bevor. Er bläst seine Flucht ab und kann im Sommer 1981 nach West-Berlin ausreisen; vier Wochen später verlässt auch sein Freund die DDR.

Keine Heldengeschichte, das ist Boost wichtig: „Ein politisch Oppositioneller bin ich nie gewesen.“ Wohl aber ein Jugendlicher, dem der spießige, normierte DDR-Alltag gehörig gegen den Strich geht. Boost wächst in Kinderheimen auf und genießt eine „ordentliche sozialistische Erziehung“. Mit fünfzehn verlässt er die Schule und macht eine Lehre beim Gleisbau in Bitterfeld. Als ein Kollege kündigt, schmeißt auch er hin. Er findet einen Job als Hausmeister in einem Provinzkino in Sangerhausen, lernt Jugendliche in Jesuslatschen kennen, die Rockmusik hören und in die Kirche gehen, lässt sich die Haare wachsen. Als ihm die piefige Kleinstadt zu eng wird, zieht er Ende 1975 zusammen mit Detlef Pump in die Wohnung von Norbert Weinz, Schlossgasse 3, in Jena.

Als Kraftfahrer an der Universität Jena bekommt er schnell Kontakt zur studentischen Szene. Er hat Freunde in der Jungen Gemeinde, feiert im Studentenklub, besucht alternative Künstler und Literaten. In der Stadt ist er bald bekannt wie ein bunter Hund. Die Stasi nimmt ihn wegen seines Lebenswandels ins Visier. 1978 stellt er seinen ersten Ausreiseantrag, obwohl er die Bundesrepublik nicht für das bessere System hält. „Ich wollte mich ausprobieren.“ Drei Jahre später wohnt er in West-Berlin. Weil er nach der Fluchthilfe den langen Arm der Staatssicherheit fürchtet, zieht er 1982 nach Gelsenkirchen. Dort holt er sein Abitur nach und beginnt ein Foto-Design-Studium.

Vom Mauerfall erfährt er in einer Dortmunder Kneipe. „Damals hatte ich die leise Hoffnung, dass etwas Neues entsteht.“ Heute, sagt er, hat er in dieser Hinsicht „keine Illusionen mehr“. Klaus-Dieter Boost lebt seit 1994 wieder in Berlin und träumt von einem Haus im Havelland.

Ilona Schäkel

Video:

Klaus-Dieter Boost - Flucht

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