Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Lilo Fuchs

geboren 1953 in Jena

Noch immer hat Lilo Fuchs Spaß an Scherzen, lacht gern mit ihren Kindern, trotz all ihrer Ernsthaftigkeit und nach allem, was sie erlebt hat: Ende August 1977 reiste sie mit ihrer kleinen Tochter Lili von Grünheide nach West-Berlin aus. Wenige Tage zuvor war ihr Mann, der Schriftsteller Jürgen Fuchs, aus der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen nach West-Berlin abgeschoben worden. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 hatte man ihn verhaftet. Lilo Fuchs war bei der Ausreise noch jung, erst 24 Jahre alt.

Mit ihrer jüngeren Schwester Gisela wuchs sie in einer Souterrain-Wohnung in Jena auf, ihre Eltern waren Vertriebene aus Ostpreußen. Lilo wurde eine gute Schülerin. Sie musizierte gern, sang im Chor, spielte Klavier. Nach dem Abitur studierte sie Psychologie in Jena. Ihr Kommilitone Jürgen Fuchs hatte erste Texte geschrieben, die sich mit den Unterdrückungsmechanismen in der DDR-Gesellschaft auseinandersetzten, das Ministerium für Staatssicherheit hatte ihn schon im Visier. Im Spätherbst 1974 heirateten die beiden Studenten. 1975 wurde Jürgen Fuchs wegen seiner kritischen Texte exmatrikuliert. Nahezu fluchtartig verließ die Familie Jena. Wolf Biermann holte sie mit dem Auto ab und brachte sie nach Grünheide in das Gartenhaus von Katja und Robert Havemann. Nach der Verhaftung ihres Mannes im November 1976 wurde Lilo Fuchs auf all ihren Wegen körpernah von Stasi-Bewachern eskortiert. So ging es ein Dreivierteljahr lang bis zu ihrer Ausreise.

Die Verfolgung der Familie durch die ostdeutsche Geheimpolizei setzte sich in West-Berlin bis zum Herbst 1989 fort. Die DDR ließ sie in mehrfacher Hinsicht nicht los. Vom Westen aus unterstützten Lilo und Jürgen Fuchs die Opposition in der DDR, beharrlich, kontinuierlich, all die zwölf Jahre hindurch. Sie ließen Bücher, Zeitungen, Texte in die DDR schmuggeln, gaben Nachrichten über Verhaftungen weiter, machten die Menschenrechtsverletzungen in der DDR und im östlichen Europa im Westen öffentlich. Ihre Wohnung in Tempelhof, direkt gegenüber dem Flughafen, war Treffpunkt für aus der DDR getriebene Oppositionelle. Alle wurden freundlich empfangen, erhielten Rat und moralische Unterstützung für die Ankunft im Westen. Sie wiederum brachten neueste Informationen aus der DDR mit. Immer waren es dieselben Fragen und Probleme. Stundenlange, nächtelange Gespräche drehten sich darum, wie man den Freunden im Osten helfen könnte. Noch wichtiger als die materielle war die ideelle Hilfe. Kontakte wurden vermittelt und immer wieder Öffentlichkeit im Westen für die kritischen Stimmen aus der DDR geschaffen. Lilo Fuchs blieb in der ganzen Aufregung Halt- und Ruhepol.

Sie arbeitet heute als Psychologin in der psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle „Treffpunkt Waldstraße“ in Berlin Moabit.

Doris Liebermann

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