Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Mario Schatta

geboren 1963 in Berlin

Mario Schatta wird von seinem Gerechtigkeitsempfinden geleitet und verlässt sich darauf, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Als er 1979 das erste Mal von der Stasi verhaftet wurde, weil er nicht bereit war, den Aufnäher Schwerter zu Pflugscharen von der Jacke zu entfernen, kam in seinem Inneren ein Prozess in Gang. „Ich wollte nicht länger ein Rädchen im Getriebe dieses Staates sein.“ Obwohl er seine Tischlerlehre an der Staatsoper beendete, entschied er sich für eine zweite, eine kirchliche Ausbildung. Während der Vorbereitung auf seine Tätigkeit als Diakon wuchs er in die Friedensarbeit hinein. So baute er ab 1983 den evangelischen Friedenskreis in Weißensee auf, der u. a. Flugblätter gegen die Aufrüstung in beiden deutschen Staaten verteilte.

1984 verweigerte er den Wehrdienst und teilte dem Wehrkreiskommando mit, er werde kein Bausoldat, obwohl er sich noch zwei Jahre vorher dazu bereitgefunden hatte. Die Bausoldaten waren in das DDR-Armeesystem integriert, das missfiel ihm. Er ist Pazifist. Auf die Vorladung des Wehrkreiskommandos antwortete er, dass er nicht komme. Als sie bei ihm vor der Haustür standen, schlug er ihnen die Tür vor der Nase zu. Sein letztes Angebot: Er wäre bereit, Friedensdienst zu leisten. Von da ab ließ ihn das Wehrkreiskommando in Ruhe. Freunde hatten weniger Glück, das war ihm durchaus bewusst. Aber er war bereit, gerade im Hinblick auf seine drei Kinder, zu seinen pazifistischen Überzeugungen zu stehen. „Das gehört zu mir. Ist ein Teil von mir.“ Er wurde mehrmals verhaftet, man warf ihm staatsfeindliche Propaganda vor, er bekam Ordnungsstrafen, die er nie bezahlen konnte, und mehrere Strafverfahren. Einschüchtern konnte man ihn damit nicht. „Die Begrenzungen, die der DDR-Staat den Bürgern auferlegt hat, wollte ich nicht akzeptieren. Und ja, ein Quantum Abenteuerlust war wohl auch dabei.“ Als 1988 russische Filme verboten wurden, klebte er Plakate, auf denen zum Kinoboykott aufgerufen wurde, und demonstrierte mit Flugblättern gegen das Verbot der Zeitschrift Sputnik.

Nach den Kommunalwahlen im Mai 1989 erhielt der Weißenseer Friedenskreis immer stärkeren Zulauf. Der Kreis um Mario Schatta hatte die Wahl kritisch beobachtet und die Wahlfälschung aufgedeckt. „Wir wollten die Verlogenheit deutlich machen, damit keiner mehr wegschauen kann.“ Bei Demonstrationen gegen den Wahlbetrug wurde er wieder festgenommen. Am 7. Oktober mündete eine solche Demonstration in die größte Protestaktion in Ost-Berlin seit dem Volksaufstand von 1953.

Am 9. Oktober 1989 fuhr er zur Montagsdemonstration nach Leipzig, obwohl sein Haus von der Stasi beobachtet wurde. Er flüchtete über das Dach. Später saß er am Runden Tisch in Weißensee, half, den Demokratischen Aufbruch als Partei aufzubauen, stieg aber aus, als er sah, dass „konservative Elemente“ gepflegt wurden.

Mario Schatta arbeitet als Organisationsberater und Supervisor. 

Nanette Hojdyssek

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