Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Martin Klähn

geboren 1959 in Crivitz

In der illustren Runde der Erstunterzeichner des Neuen Forums, die sich am 9. und 10. September 1989 auf dem Grundstück von Katja Havemann in Grünheide traf, war Martin Klähn mit 29 Jahren nicht nur einer der Jüngsten, er war auch nicht – wie es eigentlich zwischen Bärbel Bohley, Katja Havemann und Rolf Henrich abgemacht worden war – persönlich eingeladen worden. Der Bauingenieur hatte auf einem Treffen des Freundeskreises der Wehrdiensttotalverweigerer eher zufällig von der bevorstehenden Zusammenkunft erfahren und entschloss sich, dorthin zu fahren. Rolf Henrich, dem Klähns Absicht mitgeteilt worden war, lehnte zunächst ab. Klähn aber ließ sich nicht beirren und fuhr dennoch. So wurde er der einzige Vertreter aus dem Norden der DDR. Heiko Lietz, der eigentlich hätte kommen sollen, winkte ab, weil er nur eine neue Gesprächsrunde erwartete und keine Handlungen. Auch Martin Klähn glaubte zunächst, es würde sich um einen Debattierklub auf hohem Niveau handeln. Kurz nach seiner Ankunft in Grünheide aber merkte er, hier wird etwas ganz Neues geplant. Die enorme Wirkung erahnte er freilich ebenso wenig wie die anderen Mitstreiter.

Zurück in Schwerin, vervielfältigte der Programmierer sofort illegal in seinem Betrieb mithilfe von Kolleginnen den Aufruf des Neuen Forums und begann Unterschriften zu sammeln. Seine Wohnung wurde zum ersten Zentrum des Neuen Forums in Schwerin. Der Zulauf überraschte auch hier. Klähn stellte den verabredeten Antrag gemeinsam mit Uta Loheit, auch in Schwerin das Neue Forum zu legalisieren, was wie überall brüsk zurückgewiesen wurde. Zur Schweriner Gründungsversammlung des Neuen Forums in der Paulskirche am 2. Oktober 1989 erschienen über 800 Menschen.

Zum zweiten großen Erfolg kam es in Schwerin am 23. Oktober. Das Neue Forum organisierte eine Montagsdemonstration, die SED-Bezirksleitung versuchte mit einer eigenen großen Kundgebung gegenzuhalten. Es wurde für die SED ein Desaster: 40.000 Menschen demonstrierten für Veränderungen im Land, für das Neue Forum, gegen die SED. Die meisten waren ursprünglich zur SED-Kundgebung gekommen und wandten sich dann schnell den neuen Hoffnungsträgern zu. Es war auch ein ganz persönlicher Erfolg von Martin Klähn.

Der junge Mann hatte den Riss, der durch die Gesellschaft ging, in seinem eigenen Elternhaus erlebt. Vater und Mutter zählten zu Stützen des Regimes, der Sohn driftete ab und hatte sich schon im November 1987 in Ost-Berlin nach der Durchsuchung der Umwelt-Bibliothek mit den Verhafteten und Verfolgten öffentlich solidarisiert. Auch nach der Revolution, die er selbst so nicht nennt, weil sich seine Hoffnungen und Ziele nicht erfüllt haben, blieb er politisch aktiv. Er engagiert sich seit nunmehr fast 20 Jahren in der politischen und Erwachsenenbildung sowie auf vielfältigen zivilgesellschaftlichen Feldern. Ohne Martin Klähns Eigensinn wäre der Norden noch etwas später erwacht.

Ilko-Sascha Kowalczuk

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