Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Michael Arnold

geboren 1964 in Meißen

„Wir haben wichtige Impulse in einer wichtigen Zeit gesetzt“, umreißt Michael Arnold, heute Zahnarzt und in Radebeul bei Dresden zu Hause, seine oppositionellen Aktivitäten im Leipzig der 1980er Jahre. Er legte in Meißen das Abitur ab, bevor er sich für drei Jahre als Sanitäter zum Wehrdienst verpflichtete, um sich damit seinen großen Wunsch des Studiums der Zahnmedizin an der Universität Leipzig erfüllen zu können. Arnold: „Der Ausgangspunkt, etwas Aktives zur Veränderung des Systems zu tun, war die Durchsuchung der Umwelt-Bibliothek in Berlin 1987 durch den Staatssicherheitsdienst. Über Bayern 3, das in der Studentenbude gehört wurde, erfuhr ich von den Repressalien und der späteren Verhaftung von Demonstranten. Ich schrieb als Student an Honecker, dass es doch in einem freien Land möglich sein müsse, dass sich die Leute frei äußern und dafür nicht reglementiert werden.“

Aufgrund des als Einschreiben versandten Briefes, dessen Eingang ihm zwar bestätigt wurde, auf den er aber nie eine Antwort erhielt, wurde er in die Universitätsleitung bestellt. Man legte ihm nahe, das Corpus Delicti zurückzuziehen. Arnold: „Meine Ausgangssituation war schlecht, da jederzeit aus politischen Gründen eine Exmatrikualation möglich war. Ich hatte aber meine Seminargruppenberaterin über den Brief und meinen Protest informiert. Sie war Mitglied der SED und setzte sich für mich ein.“

Arnold suchte Gleichgesinnte, fand sie in den Kirchgemeinden, traf auf die Initiativgruppe Leben. Der aufmüpfige Student organisierte wiederholt Demonstrationen für Demokratie und Menschenrechte. Beim Flugblattverteilen für ein oppositionelles Kontrastprogramm während der Liebknecht-Luxemburg-Ehrung im Januar 1989 wurden er und weitere Bürgerrechtler verhaftet und kamen nur aufgrund des internationalen Drucks – in Wien fand gerade das KSZE-Folgetreffen für Menschenrechte statt, auf dem US-Außenminister George Shultz seinem DDR-Kollegen Oskar Fischer mit den Leipziger Festnahmen konfrontierte – nach einigen Tagen Haft wieder frei.

Arnolds Wohnung in der Zweinaundorfer Straße 20 in Leipzig firmierte als Treff der Bürgerrechtler und wurde von der Stasi observiert. Man bot ein offenes Haus und war einfallsreich, wenn mittels einer alten Wäschemangel Drucksachen vervielfältigt wurden, die man im Schutz der Dunkelheit in die Briefkästen steckte. So kam auch der Aufruf für den Pleiße-Gedenkmarsch, der auf Umweltvergehen aufmerksam machen sollte, in die Öffentlichkeit. Dabei wussten Arnold und seine Mitstreiter, wie gefährlich solche Aktivitäten waren. Er wurde mehrmals verhaftet, die Wohnung wurde durchsucht, er stand unter Beobachtung und erhielt sogar Reiseverbot in das sozialistische Ausland.

Einmalig dürfte dabei der Fall sein, dass sich Arnold bei einer Vernehmung selbst verwanzte, um das Verhör mitzuschneiden: „Im Intershop hatte ich mir ein Diktiergerät gekauft. Meine größte Sorge war, dass das Band vorm Ende des Verhörs abgelaufen sein könnte. Ich hatte Angst vorm enttarnenden Klick.“ Die Unterdrückungspraxis des MfS sollte enttarnt und seine Mitarbeiter und Spitzel bekannt gemacht werden. Hauptamtlichen Mitarbeiter des MfS wurden fotografiert.

Michael Arnold gehörte im September 1989 zu den Gründern des Neuen Forums.
Die Schreibmaschine, auf der Arnold seinen Brief an Honecker verfasst hatte, ist heute im Besitz des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Vielleicht wird sie einmal als Zeugnis für Zivilcourage ausgestellt. 

Thomas Mayer

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