Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert
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Peter Wensierski

geboren 1954 in Heiligenhaus

Er legte Hand an die Existenz der DDR – und zwar wortwörtlich. Vor der „Kommunalwahl“ am 7. Mai 1989, einem an sich bedeutungslosen Ritual, demonstrierte Peter Wensierski im Fernsehmagazin Kontraste des West-Berliner SFB, wie man mit Nein stimmen konnte. Zu sehen waren seine Hände, die säuberlich jeden Namen auf einem DDR-Wahlzettel einzeln durchstrichen. Denn das war die einzige Möglichkeit, sicherzugehen, dass die eigene Stimme nicht als gültig und für die Einheitsliste gewertet wurde. Da in West-Berlin solche Zettel nicht zu haben waren, hatte Wensierski aus einem ostdeutschen Lehrbuch einen abgedruckten Stimmzettel kopiert, die Kopie ausgeschnitten, und fertig war sein Wahlzettel.

Da hatte der engagierte Journalist schon Einreiseverbot in die DDR. Längst war der Staatssicherheit klar, dass Wensierski nicht nur konkret Hand anlegte an das SED-System, sondern vor allem im übertragenen Sinne. In seiner Stasi-Akte findet sich die bemerkenswert korrekte Feststellung: „Die SED ist Wensierski zufolge nur begrenzt reformfähig.“ Seit 1979 war er für verschiedene Medien immer wieder in die DDR gekommen. Früher als die meisten Westjournalisten erkannte er auf seinen Erkundungsfahrten ins andere Deutschland, wie marode die DDR war. Dabei beschränkte er sich nicht auf oppositionelle Köpfe in der Kirchenhierarchie und unter unorthodoxen Kommunisten. Wensierski schaute vielmehr auf die Punkerszene, auf Umwelt- und Friedensgruppen oder auf Künstlerkreise. Immer öfter schlug ihm das Gefühl „Null Bock auf DDR“ entgegen.

„Als Reisekorrespondent genoss ich mehr Freiheiten als die fest akkreditierten Kollegen, musste zum Beispiel nicht jede Fahrt außerhalb von Ost-Berlin, nicht jedes Interview eigens anmelden. Das war eine Lücke im System“, erinnert sich Wensierski. Allerdings weiß er auch noch, dass es in den 1980er Jahren nicht einfach war, beim jüngeren westdeutschen Publikum Interesse zu wecken für die Menschen auf der anderen Seite der Mauer. Als ideales Medium erwies sich daher für Wensierski bald der Sender Freies Berlin, vor allem sein deutsch-deutsches Magazin Kontraste. Es war in großen Teilen der DDR fast so etwas wie Pflichtprogramm für kritische Geister. Jahrelang berichtete Wensierski, oft im engen Zusammenspiel mit dem aus Jena ausgebürgerten Oppositionellen Roland Jahn, über SED-kritische Kreise und machte damit die Bürgerrechtler via Westfernsehen in der DDR bekannt. Unverzichtbar dafür waren die Kameraleute, die unter hohem Risiko vor Ort drehten, zum Beispiel in Leipzig.

Seit der Friedlichen Revolution, der er frühzeitig eine Stimme gab, ist Wensierski der Aufarbeitung der Vergangenheit noch lange treu geblieben, unter anderem mit Filmen über die Stasi. Er machte sich darüber hinaus um die Heimkinder in der Bundesrepublik verdient, indem er deren verdrängten Schicksalen eine öffentliche Wahrnehmung verschaffte.

Sven Felix Kellerhoff

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