Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert
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Stephan Krawczyk

geboren 1955 in Weida

Wenn Stephan Krawczyk nicht auf einer Bühne agiert, wirkt er fast unscheinbar. Ja, heute ist es zuweilen kaum vorstellbar, dass er den SED-Mächtigen nicht nur einen Schrecken einjagte. Vielen Unangepassten galt er in den 1980er Jahren als der „neue Biermann“. Dies mag übertrieben gewesen sein, aber dahinter stand auch die Sehnsucht nach einer Identifikationsfigur, nach einer Persönlichkeit, die vormacht, was man sich selbst dann doch nicht traut. Stephan Krawczyk hat nicht die Musik zur Revolution beigesteuert, aber er gehörte zu jener kleinen Gruppe Mutiger, die der Revolution den Weg ebneten.

Zunächst schien der Weg Krawczyks planmäßig zu verlaufen. Nach dem Abitur 1974 und dem anschließenden Wehrdienst trat er der SED bei, arbeitete u. a. in einem Kulturhaus und konnte 1978 bis 1982 in Weimar erfolgreich ein Fernstudium für Konzertgitarre abschließen. Da war er bereits Mitglied der offiziell anerkannten Gruppe Liedehrlich, die 1982 in der DDR eine LP veröffentlichte. Krawczyk arbeitete seit 1980 als freiberuflicher Liedermacher. Ein Jahr später erhielt er einen Preis als bester Chansonsänger der DDR.

Als er 1984 nach Ost-Berlin umzog, lernte er Freya Klier kennen und lieben. Er wurde mit seinen regimekritischen Texten in der Szene bekannt, sein SED-Austritt 1985 erschien folgerichtig, ebenso das dann über ihn verhängte Berufsverbot. Nun erlangte er Kultstatus als verbotener Liedermacher, ebenso wie die gemeinsamen Projekte und Inszenierungen mit Freya Klier zum Renner im Underground wurden. Das MfS verfolgte beide im OV „Sinus“. Im November 1987 richteten Krawczyk und Klier einen Offenen Brief an Kurt Hager, den SED-Ideologiechef, in dem sie eine unabhängige Kunst und Kultur, die Achtung der Menschenrechte und die Rücknahme ihrer Berufsverbote forderten. Stephan Krawczyk arbeitete zu dieser Zeit am illegalen Rundfunksender Schwarzer Kanal mit, so wie er sich später auch an der Sendung Radio Glasnost beteiligte.

Im Januar 1988 wurde Stephan Krawczyk auf dem Weg zur offiziellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, an der er mit eigenen Transparenten teilnehmen wollte, verhaftet und am 2. Februar gemeinsam mit Freya Klier in die Bundesrepublik abgeschoben. Es stellte sich heraus, dass beide von ihrem Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der als IM „Torsten“ für das MfS arbeitete, im Unklaren über die wirkliche Situation – die breite gesellschaftliche Solidarisierung – gelassen und so zum Ausreiseantrag gedrängt worden waren.

Die Revolution, den Mauerdurchbruch und die Einheit erlebte Stephan Krawczyk in Berlin, wo er auch heute noch lebt. Zahlreiche CDs, Bücher und Konzerte zeugen von seiner ungebrochenen Schaffenskraft.

Ilko-Sascha Kowalczuk

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