Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Walter Schilling

geboren 1930 in Sonneberg, gestorben 2013 in Saalfeld

Als Walter Schilling 2010 seinen 80. Geburtstag feierte, versammelte sich eine illustre Gemeinde, von der Schilling gehuldigt wurde, was ihm schon fast peinlich war. Aber Walter Schilling war stil- und charakterprägend für Zigtausende junger Menschen in der DDR. Er war nicht nur ein zentraler Wegbereiter der Revolution, ein unerschrocken fröhlicher Mensch in den Zeiten der Finsternis, Vorbild und Wegmarke, er war und ist über die Szene und seine Region hinaus so unbekannt, wie es nur echte Revolutionäre sein können. Denn da, wo sich andere vor die Kameras und Mikrofone drängten, war er nicht zu sehen. Sich um Nachruhm zu bemühen war und ist ihm gänzlich fremd, auch hatte er wohl viel Wichtigeres zu tun.

Walter Schillings Eltern gehörten der Bekennenden Kirche an. Nach dem Krieg entschloss er sich, auch Pfarrer zu werden, und arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1995 als Gemeindepfarrer in Braunsdorf-Dittrichshütte bei Saalfeld. Die alten Stallgebäude am Braunsdorfer Pfarrhaus wurden zu einem Pilgerort unangepasster Jugendlicher. Seit 1968 fand hier die Hippiebewegung offene Pforten. Bonhoeffer stand Pate, Kirche für andere zu sein. Schilling wirkte auch deshalb anziehend, weil er so aussah wie jene, die vom SED-Staat ausgegrenzt wurden. Es ging ihm darum, „ich“ zu sagen und andere dazu zu ermutigen. Walter Schilling wurde zu einer Symbolfigur der Offenen Arbeit, einer Keimzelle der unabhängigen Friedensbewegung, der Opposition und dann der Bürgerrechtsbewegung. Das MfS verfolgte ihn, versuchte ihn zu zersetzen, drangsalierte und behinderte ihn, schaffte es aber nicht, ihn zu brechen.

Es war geradezu folgerichtig, dass er den Kirchentag von Unten 1987 in Ost-Berlin maßgeblich mitgestaltete und zur Symbolfigur der Kirche von Unten avancierte. Er wurde – nach langem Hickhack mit kirchenleitenden Gremien – 1989 Pfarrer ihres Vertrauens. Niemand anderes wäre auch nur ansatzweise infrage gekommen. Die Kirche von Unten war im Mai 1989 ein Zentrum für die oppositionelle Wahlüberwachung, die zu nachhaltigen Erschütterungen des SED-Sozialismus führte.

Im Oktober 1989 nahm Schilling an der Mahnwache an der Gethsemanekirche in Ost-Berlin teil und informierte vom dortigen Kontakttelefon andere Regionen der DDR über die Polizeiübergriffe. Er beteiligte sich am Zusammentragen der Gedächtnisprotokolle, die unter dem Titel Ich zeige an veröffentlicht wurden und zur Delegitimierung des SED-Staates beitrugen. Aufklären über die Diktatur, besonders über die Verbrechen der Geheimpolizei, war ihm in den folgenden Jahren ein wichtiges Anliegen.

Ilko-Sascha Kowalczuk

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