Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel
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Werner Schulz

geboren 1950 in Zwickau

Als 18-Jähriger erlebte Werner Schulz 1968 den Prager Frühling und seine militärische Unterdrückung. Dies war für ihn wie für viele andere seiner Generation im Osten das Schlüsselerlebnis, das aus einem frühen 68er einen reifen 89er werden ließ (wohl nur zufällig ergibt sich aus einer auf den Kopf gestellten 68 eine 89). Es war ein langer, aber letztlich glücklicher und erfolgreicher Weg von 1968 bis 1989. Im Westen wollten die 68er eine Revolution und versackten schließlich gut dotiert in den Institutionen, sofern sie nicht als Terrorwütige inhaftiert waren. Im Osten wollten die meisten 89er Freiheit und Demokratie und wurden so zu Revolutionären und zu Wegbereitern einer Zukunft, von der sie in ihrer Gegenwart kaum zu träumen gewagt hatten. Einer von ihnen war Werner Schulz.

Der diplomierte Lebensmitteltechnologe war Mitte der 1970er Jahre Bausoldat. Nach dem Einmarsch der Russen in Afghanistan 1979 protestierte er gegen diese Invasion und verlor prompt seine Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. Schon zuvor engagierte er sich in kirchlichen Basisgruppen, ab 1981 war er Mitglied des überregional bekannten Pankower Friedenskreises. 1989/90 profilierte er sich rasch zu einem der markantesten Vertreter des Neuen Forums, dessen Arbeit er von Beginn an unterstützte und das er sechsmal am Zentralen Runden Tisch vertrat. In der Volkskammer stach Werner Schulz schnell als einer der scharfsichtigsten und rhetorisch gewandtesten Redner hervor. Davon konnte man sich auch im Deutschen Bundestag überzeugen, dem er bis 2005 für Bündnis 90/Die Grünen angehörte. Er hatte die Fusion von Bündnis 90 und den Grünen in den Jahren bis 1993 als Sprecher von Bündnis 90 mit auf den Weg gebracht. 

Seine rhetorische Brillanz wird parteiübergreifend bewundert. Mehrfach schaffte er es, Listenplätze und Wahlämter zu ergattern, weil er den Saal in seinen Bann zog. Als Bundeskanzler Schröder 2005 den Bundestag de facto auflöste, hielt Schulz eine fulminante Rede dagegen, die längst Aufnahme in Rhetorikschulungen und Sammlungen bedeutender zeitgenössischer politischer Reden gefunden hat. Er blieb ein Querdenker, zuweilen ein Sturkopf, der auch seinen politischen Freunden immer wieder Überraschendes zu bieten hatte und hat. Gerade keine Dogmen zu pflegen – außer diesem einen vielleicht, eben keine Dogmen zu haben – zählt zu den typischen Eigenschaften von Werner Schulz. Davon kann sich nun auch das Europäische Parlament überzeugen, dem er seit 2009 als Abgeordneter angehört.

Ilko-Sascha Kowalczuk

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